Leitartikel über US-Präsident Donald Trump

Zerstörung als Ziel

Von Guido Bohsem

Kürzlich griff eine Gruppe renommierter amerikanischer Psychiater zu einem Mittel, das in ihrem Berufsstand seit den 60er Jahren streng verpönt ist. Sie erstellte eine Diagnose über den Geisteszustand eines Menschen, den sie weder treffen noch untersuchen konnte. Die Wissenschaftler kamen dabei zu einem einhelligen Ergebnis: Der Patient sei paranoid, größenwahnsinnig, leide unter Wahnvorstellungen und zeige Züge einer schweren narzisstischen Störung. Der Name des Patienten: Donald Trump.

Zum einen ist es tatsächlich kein guter Stil, medizinische Ferndiagnosen über unbekannte Menschen zu stellen, die einem politisch nicht passen. Viel überraschter dürften viele hierzulande jedoch darüber gewesen sein, dass für diese Erkenntnis eine Gruppe Wissenschaftler notwendig war. Schließlich steht für die Mehrheit der Europäer fest, dass der US-Präsident geisteskrank ist. Eine Pathologisierung Trumps bleibt für viele Europäer die einzige Möglichkeit, die Taten des mächtigsten Mannes der Welt zu entschlüsseln.

Im Jahr nach seiner Wahl hat der ehemalige Immobilienmogul und Reality-TV-Star sein Land, ja die Welt verändert. Vorbei sind die Zeiten, in denen die USA ein Hort der Stabilität, ein Garant des Freihandels und ein Vorbild für andere Länder waren. Trump und seine Truppe haben es geschafft, die Grundfesten der amerikanischen Demokratie zu erschüttern, die Gesellschaft so tief zu spalten wie noch nie. Sie haben das Vertrauen der Bürger in die Justiz, in die politischen Institutionen, die freie Presse und die Zukunft ihres Landes erschüttert. Sie haben die Ideen, auf denen das Land errichtet wurde, mit Füßen getreten.

International legte Trump die Axt an das westliche Bündnis und er zeigte den Europäern und vor allem den Deutschen, dass sie sich nicht mehr auf das Wohlwollen des amerikanischen Partners verlassen können. Wer bestehen will in dieser Weltordnung, muss stark genug sein, seine Interessen selbst durchsetzen zu können. Im gleichen Tempo, in dem sich Trump von den westlichen Demokratien abwendet, schmeißt er sich an die Plutokraten und Diktatoren an der Spitze der Staatenwelt ran. Sein oberstes diplomatisches Ziel scheint es zu sein, amerikanische Rüstungstechnik zu verkaufen. Ein entsprechendes Angebot hat er gerade wieder in Japan gemacht, vor laufenden Kameras.

Politische Erfolge hat Trump nicht erzielt. Immer wieder scheiterten seine Gesetzesvorhaben, manche davon auch am Widerstand seiner eigenen Partei. Das ärgert ihn maßlos, ist aber letztlich doch nur Ausdruck seiner Politik, Zeichen des Trumpismus. Trump trat als Zerstörer an und agiert auch so. Am Konstruktiven hat er kein Interesse, die komplexen Details einer Gesundheitsreform oder die Feinheiten des diplomatischen Umgangs scheinen ihn zu langweilen oder, vielleicht doch, zu überfordern.

Eines dürfte nach der Analyse der Psychiater und nach diesem ersten Jahr klar sein. Von alleine wird Trump nicht abtreten und seine Partei wird ihn nicht hinauswerfen. Die Welt muss (mindestens) drei weitere Jahre Trumpismus fürchten.


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08.11.2017 - 06:00 Uhr