Glosse

Zauberei statt Marmor

Von DAVID NAU

Zauberei statt Marmor

Täuschend echt: der schwebende Zebrastreifen in Isafjordur auf Island. Foto: ©Thorir Ingvarsson/Shutterstock.com

Stuttgart. Sindelfingen, eine eher mittelgroße und spießige Stadt wenige Kilometer südlich von Stuttgart, ist vor allem dafür bekannt, eine der reichsten Städte Deutschlands zu sein. Der Grund: Dort liegt eines der größten Werke von Mercedes-Benz – oder wie man in der Region sagt: vom Daimler. Entsprechend sprudelt dort jedes Jahr die Gewerbesteuer und füllt den Stadtsäckel kräftig auf.

Da fragt man sich natürlich: Wohin mit dem ganzen Geld? In den 70er-Jahren kamen die Stadtoberen auf eine ungewöhnliche Idee. Statt mit weißer Farbe auf die Straße zu pinseln, wurden einige Zebrastreifen kurzerhand aus Marmor-Pflastersteinen gefertigt. Der Spott war der schwäbischen Kleinstadt gewiss und so rangierte Sindelfingen auf der langen Liste der verrücktesten Zebrastreifen Jahrzehnte lang ganz oben.

Nun könnte es damit vorbei sein, denn die Isländer machen den Schwaben gehörig Konkurrenz. Dort greift man nicht zu edlen Steinen, sondern zu Zauberei. Wer in dem Städtchen Isafjordur auf den Zebrastreifen zufährt, der traut seinen Augen nicht: Die weißen Streifen scheinen auf der Straße zu schweben und eine unüberwindbare Barriere für die Autofahrer zu bilden. Konsequent, mag nun sagen, wer sich eine autofreie Stadt wünscht. Doch weit gefehlt: Zerbeulte Kotflügel beim Überfahren des Zebrastreifens sind nicht bekannt. Das Ganze ist nur eine optische Täuschung.

David Nau


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09.11.2017 - 06:00 Uhr