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Zampano der Zerbrechlichkeit
Sollte dem Ex-Screamer mal die Stimme versagen kein Problem: Hüpfmeister Casper kann sich auf seine textsicheren Fans verlassen. Und zieht vor ihnen in Stuttgart auch gern mal die Kappe. Foto: Udo Eberl
Pop

Zampano der Zerbrechlichkeit

Rapper und Sänger Casper legt nach seinem sehnlichst erwarteten Album „Lang lebe der Tod“ nun mit einer Hallentour nach. In Stuttgart lässt er mehr als 9000 Fans kräftig springen.

06.11.2017
  • UDO EBERL

Stuttgart. Lang lebe der Tod“ – was für ein Tour-Titel. Und das im November. Allerdings fiel der Stacheldraht-Vorhang für die Liveshows vor deutlich mehr als einem Jahr. Danach zog sich Casper, der mit bürgerlichem Namen Benjamin Griffey heißt, sozusagen ins eigene emotionale Hinterland zurück. Der sensible Geist zwischen HipHop, Pop und Rock hatte sich dem gewaltigen Erfolgsdruck von Außen und den eigenen wachsenden Ansprüchen beugen müssen. Das Album kam mit einem Jahr Verspätung. Nun also alle Ventile wieder auf, raus zu den Leuten, ran an die Fans mit neuen Stücken und solchen, die schon so etwas wie Festival-Klassiker sind.

Wer nun dachte, gemessen am Titel des dritten und jüngsten Albums sollte das Konzert am Samstag in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle ein Kreuzzug ins ewige Dunkel werden, der wurde von der Balance aus tiefstem Existenzialismus und reinster Fröhlichkeit überrascht.

Ängste aufgebrochen

Getragen von vielen jungen Stimmen ging es mit „Alles ist erleuchtet“ mitten hinein in eine Casper-Welt, in der allgegenwärtige Zweifel und Großstadt-Ängste intensiv durchlebt, aber mit geradezu jubelnden Refrain-Linien wieder aufgebrochen werden. Ganz schön harte Kost für Kids, doch selbst die ganz Kleinen jubelten bei ihrem wahrscheinlich ersten Live-Erlebnis im Hallenformat diesem Zampano der Zerbrechlichkeit zu.

Und der 35-Jährige, der seit etlichen Jahren nicht nur in Sachen Textniveau über drei Alben hinweg zu den spannendsten deutschsprachigen Musikakteuren gehört, machte es seinen Fans dann doch nicht so schwer und bediente sich bei fast allen bewährten Mustern des Pop-Showbetriebs. Er sprang, und jeder sprang mit. Er hüpfte, er dankte ehrfürchtig für den Aufstieg aus der „Stuttgarter Röhre“ bis hin zur Schleyerhalle, er kniete („Geht in Deckung alle!“), dirigierte und rappte einige Minuten von tausenden Smartphones eingefangen auch in der Mitte der Halle beim Mischpult.

Casper wurde so live zur Lichtgestalt, zum Schattenwesen, schwebte auf einem Ponton über der Bühne und sang vor einer LED-Sonnenfinsternis.

Der Erkältung getrotzt

All das mit medikamentöser Unterstützung: „Ich bin heute Morgen aufgewacht und war sehr erkältet. Ich dachte immer nur, hoffentlich geht das heute gut.“ Aber natürlich ging das gut, sehr gut.

Und Casper wusste, auf seine textsicheren Fans ist Verlass: „Sollte die Stimme versagen, kann man sich auf euch verlassen.“ Ein allzu gewaltiger Unterschied im Kratz-Grad zur Normalstimme war gar nicht hörbar. Allein in den hochmelodiösen Nummern wie etwa dem grandiosen „Hinterland“ war das Defizit tatsächlich herauszuhören. Das Publikum sang allerdings nicht nur in „Jambalaya“ so perfekt mit, dass der Hüpfmeister häufiger mal seine Kappe ziehen musste.

Das Konzert hatte gemessen an den Stärken der Alben durchaus auch seine Schwächen. Der Sound war bisweilen mehr laut und lausig als wirklich fein abgemischt. Die Arrangements waren live eher etwas eindimensional und besonders die sehr präsenten und mit reichlich Hall versetzten Gitarrenlinien waren zu häufig am Start. Da tat so manches massive Metal-Brett richtig gut und ließ den Druck ansteigen, von dem es noch etwas mehr hätte geben können. Und doch scheint Casper schon jetzt gerüstet – für die nächsten existenzialistischen Pop-Großtaten und den kommenden Festival-Sommer.

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06.11.2017, 06:00 Uhr
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