Friseur Otto Häusler verkaufte am Holzmarkt Hopfenstangen/Töchter richteten "Ondulierstube" ein

Zähne zog er seinen Kunden keine mehr

Von Manfred Hantke

Das markante Gebäude Holzmarkt 2 war immer eine erste Adresse – für Professoren, Apotheker, Schneider, Sattler und Metzger. Ihr Handwerk übten hier aber auch Friseure aus. Einer von ihnen war Otto Häusler. Er verkaufte Anfang des 20. Jahrhunderts zudem Lotterielose sowie Gerüst- und Hopfenstangen. Seine Töchter verpassten in der „Ondulierstube“ den Damen den neuesten Chic.

Zähne zog er seinen Kunden keine mehr

Das Bild entstand 1917/18. Rechts stehen drei Mitarbeiter des Friseursalons, deren Namen nicht bekannt sind. Ganz links die Söhne Otto Häuslers: Karl und Alfred. Oben links am Fenster Tochter Elisabeth, rechts daneben die Töchter Resi und Berta. Berta wurde später Hebamme. Sie wohnte bis 1992 in dem Haus.Bild: Privat

Tübingen. Otto Häusler kam aus Göggingen bei Schwäbisch Gmünd. Zunächst hatte er seinen Friseursalon in der Kirchgasse, kaufte dann 1908 den Holzmarkt 2. Er schnitt nur Herren die Haare und rasierte sie. Eine Rasur kostete zehn Pfennige. Dankbar waren die Herren für das Haaröl und die Pomade, das sie sich händeweise in den Haarschopf schmierten. Von der Pomade, „ein richtig schöner Papp“, waren die Kopfkissen dann immer voll, weiß Enkel Jörg Kuhn.

Großvater Häusler ging nicht nur in die Klinik und brachte den Patienten die Haare in Form, ein Zubrot verdiente er sich auch mit dem Verkauf von Holz. Im Angebot hatte er Gerüst- und Hopfenstangen, für die Hopfenstangen fand er insbesondere in Rottenburg seine Abnehmer. Zusätzlich verkaufte er Lotterielose und Werbefläche für das Lichtspieltheater, das erste Kino in Tübingen.

Berta Häusler verließ als Letzte das Haus

Zähne aber hat er seinen Kunden keine mehr gezogen, sagt Kuhn. Das gehörte bei den Vorgängern ebenfalls zum routinierten Handwerk. Doch diese Zeit war vorbei, längst hatten sich berufenere Hände um das Gebiss gekümmert. Doch in der Ausbildung gehörte die Zahnextraktion noch zum Lehrplan, im Lehrbuch des Großvaters („Der Barbier“) ist der Zahnentfernung ein Kapitel gewidmet.

Otto Häusler muss am Holzmarkt recht erfolgreich gewesen sein. Schon bald hatte er Lehrlinge und Gesellen. Auch die Kinder spannte er ein. Kuhns Onkel Otto half den Kunden nach getaner Arbeit in Jacke und Mantel, bürstete sie ab. Zum Lohn gab’s „einen Nickel“ (ein kleines Geldstück), als Dankeschön schlug dem Kunden ein „gehorsamer Diener“ entgegen.

Im Alter von nur 54 Jahren starb Otto Häusler 1914, seine Frau starb fünf Jahre später. „Nur die Schulden lebten noch kräftig weiter“, sagt der Enkel. Für die sieben Kinder wurde es „verdammt schwer“. Doch sie blieben zusammen und haben sich durchgekämpft.

Die Tochter Elisabeth richtete im hinteren Teil des Salons eine „Ondulierstube“ ein, später half ihr Schwester Berta. Dort ging’s mit heißer Schere an die Frauenhaare. „Heißwelle“ nannte man das damals. Eine Erfindung des Todtnauers Karl Nessler um 1906, der das Frauenhaar mit einer alkalischen Lösung tränkte und es spiralförmig auf Metallstäbe wickelte.

Anschließend erhitzte er die Metallstäbe mit Metallzangen, die er zuvor über einem Spirituskocher heiß gemacht hatte. „Das Verfahren hatte er sich bei den Perückenmachern abgeschaut“, weiß Kuhn. Der Grund: Nessler wollte nicht jede Woche seiner Frau die Haare richten und sann daher nach einer Lösung, die Frisuren längere Zeit in Form zu halten.

Doch das Procedere sei kein Hochgenuss für die Frauen gewesen, sagt Kuhn. Die „Heißwelle“ dauerte nicht nur bis zu fünf Stunden, es gab auch Brandblasen, wenn der damalige „Hairstylist“ mit den Metallzangen zu nahe an die Kopfhaut kam. Außerdem hat die salzhaltige Lösung gestunken und verursachte Verätzungen. Hatten Elisabeth und Berta mal ein paar Haare verhunzt, schnitten sie das Büschel ab und ließen es „diskret im Kittel verschwinden“.

Solch eine „Heißwelle“ – aber auch noch die späteren „Steinzeitdauerwellen“ –, die mit monströsen elektrischen Helmgeräten Locken in die Haare brachten, durfte freilich nicht alle Tage erneuert werden. Kuhn: „Ein zweites Mal haben’s die Haare nicht ausgehalten, sie brachen ab.“ So ließen sich die Damen etwa ein dreiviertel Jahr Zeit bis zur nächsten „Heißwelle“. Hielt sie nur ein halbes Jahr, reklamierten sie.

Nur wenige Jahre ondulierten Elisabeth und Berta die Tübinger Damenwelt. Danach verpachteten sie den Salon an Friedrich Rösinger. Er ist im Adressbuch von 1919 neben den beiden Schwestern unter der Adresse Holzmarkt 2 in der Rubrik „Friseure“ ebenfalls aufgeführt.

Berta ließ sich bald zur Hebamme ausbilden. Sie verließ auch als Letzte der Familie das Haus am Holzmarkt und lebte dort bis 1992, erlangte als Hebamme über Tübingen hinaus Ruhm und Respekt. Etwa 2.000 kleinen Gogen, Hirschauer und Wurmlinger „Buzzele“ hat sie auf die Erde geholfen. Ihre letzten Jahre verbrachte sie im Pauline-Krone-Heim. Unser einstiger TAGBLATT-Kollege Fritz Holder warb 1995 in einem Artikel in den Tübinger Blättern für ein „Gedenktäfele“, das man „Schwester Berta“ widmen solle. Daraus ist (noch) nichts geworden.

Von den Kindern Häuslers hat nach dem kurzen Ausflug in die Ondulierwelt niemand das Friseurhandwerk weitergeführt. Sohn Karl hätte die Nachfolge antreten sollen, aber er verlor einen Arm beim Bogenschießen.

Erst Enkel Jörg Kuhn nahm wieder die Schere in die Hand. 1951 begann er seine Ausbildung in der Neuen Straße als erster Jahrgang der „Doppeldienstleister“, wurde also Damen- und Herrenfriseur. Anschließend ging’s „in die Fremde“ (Stuttgart, Reutlingen), dann machte sich Kuhn in der Rottenburger Bahnhofstraße selbstständig.

Der einstige Fachbereichsleiter der Friseurinnung und Fachlehrer an der Berufsschule stand noch mit 71 Jahren in seinem späteren Salon in der Seminargasse. Etwa 40 Friseure hat der heute 79-Jährige ausgebildet, einige haben ihren Meister gemacht und haben heute auch in Rottenburg ihren Salon.

Früher, ja früher, da waren die Damen alle halben Jahre „auf andere Art schön“, blickt Kuhn zurück. Was Frankreich und England als Trends vorgaben, das „war Diktat, da musste man mitziehen“. Kuhn hat die unterschiedlichen Dauerwellen gestylt, auch die chemische „Kaltwelle“ und die „Wasserwelle“, hat natürlich die Haare auch „wasserstoffblond“ gefärbt.

Heute aber bestehen alle möglichen Trends nebeneinander her. Das sei zwar individueller und variabler, aber die Kollegen müssten sich heute ganz schön ranhalten. Am meisten Spaß hat Kuhn übrigens der „Stehhaarschnitt“ bei den Männern gemacht. Beim „Bürstenhaar-“, „Igelschnitt“ oder auch „Mecki“ kam es nämlich darauf an, „ganz exakt“ zu schneiden – nicht mit der Maschine, sondern mit der Schere.

Info: Jörg Kuhn hat seine gesammelten Friseurutensilien aus alten Zeiten (Onduliergeräte, Rasierapparate) dem Kirchentellinsfurter Schlossmuseum vermacht. Das ist sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.


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17.09.2015 - 12:00 Uhr