Tübinger Tagung zu Verschwörungstheorien

Wissenschaftler: Eine Sache von Verlierern

Von Fred Keicher

Eine Tübinger Tagung über Verschwörungstheorien brachte am Wochenende Forscher aus aller Welt zusammen. Die Anzahl der Forschungsprojekte über solche Theorien nimmt indes merklich zu.

Fast erdrückten die aktuellen Ereignisse die dreitägige Tübinger Konferenz von 100 Wissenschaftlern, die über Verschwörungstheorien forschen. Gerade waren geheime Absprachen der deutschen Autoindustrie bekannt geworden. Donald Trump kam fast in jedem Vortrag vor. Referentinen und Referenten, in deren Vortrag der amerikanische Präsident nicht vorkam, kündigten das zu Beginn an. Beifall war ihnen sicher.

Wer die Macht hat, glaubt weniger an Wahlfälschung

Verschwörungstheorien seien eine Sache von Verlierern, war die provozierende These von Joseph Uscinski, einem Politologen aus Miami, in seinem Auftaktvortrag am Freitag. Mit Umfrageergebnissen vor und nach den US-Wahlen versuchte er das zu untermauern. Ein beinahe gleich großer Anteil der Anhänger beider Parteien glaube vor den Wahlen, dass die andere Seite die Wahlen manipuliere. Nach den Wahlen nimmt der Prozentsatz bei den Wahlsiegern deutlich ab, steigt aber bei den Verlierern. Frei nach Machiavelli postulierte Uscinski: Wer die Macht hat, muss sich keine Gedanken über geheime Manipulationen machen.

Verschwörungstheorien unterliegen einer eigenen Konjunktur

Donald Trump hat gewonnen und verbreitet immer noch, dass seine Kontrahentin Hillary Clinton an Machenschaften zum Nachteil des amerikanischen Volkes beteiligt sei. Von einer Zunahme von Verschwörungstheorien wollte Uscinski nicht unbedingt reden: Es habe immer regelrechte Konjunkturen solcher Theorien in der amerikanischen Geschichte gegeben. Daraus habe immer ein Vertrauensverlust der Regierung oder der Eliten resultiert.

Einer aus dem Publikum fragte nach dem Wahrheitskern der Verschwörungstheorien. Er nannte als Beispiel, dass Wahlmanipulationen in der amerikanischen Geschichte nicht gerade unbekannt seien. Er führte vor Augen, dass gerade ein Kartell in der Autoindustrie aufgeflogen sei und fragte, ob die Kritik des linksliberalen Präsidentschaftsbewerbers Bernie Sanders am beherrschenden Einfluss der reichsten ein Prozent in der Gesellschaft berechtigt sei. Hinter Sanders Theorien stünde sehr wohl eine Verschwörungstheorie, gab Uscinski zurück. Das wahre Problem sei die Ungleichheit in der Gesellschaft, die zu kritisieren sei. Sanders habe aber eine Gruppe von Leuten dämonisiert.

Der Wunsch nach einfachen Lösungen

Wie Krisen Verschwörungstheorien auslösen, fragte ein Podium am Samstag. „Die Zerstörung des Vertrauens“ nannte der Isländer Eirikur Bergmann seine Überlegungen. In den Wellen des Populismus seien immer Elemente von Verschwörungstheorien vom extremistischen Rand des politischen Spektrums in den Mainstream gewandert. Gesetzt werde auf einfache Lösungen für komplexe Probleme und auf manichäische Gegensätze: „wir – sie“, „Volk – Elite“, innen – außen.

Iselin Frydenlund, eine Ethnologin aus Oslo, stellte in einer Fallstudie eine asiatische Form der Islamophobie vor. In Myanmar wurde nach dem Fall der Militärdiktatur von buddhistischen Mönchen plötzlich die seit Jahrhunderten ansässige muslimische Minderheit als gefährlicher Virus entdeckt.

Wie souverän Trump mit Fake-News und Verschwörungen arbeitet, stellte Kaspar Rasmussen dar. „There is something going on“, deute er an. „Trump liefert das Gerücht, sein Publikum den Beweis.“ Zentral in seinen Vorstellungen sei die Frontstellung gegen Muslime und gegen Migranten. Überhaupt sei die Islamophobie heute ein internationales Geschäft. Angeheizt von den selben Büchern von den USA über Europa bis Myanmar.

17 Prozent der Deutschen bezweifeln Mondlandung

Dass die Mondlandung ein Fake war, glauben in den USA nur noch sechs Prozent der Bevölkerung, in Deutschland sind es 17 Prozent. Das hat Tanjev Schultz von der Universität Mainz herausgefunden. Dass Prinzessin Diana ermordet wurde, glauben 25 Prozent, an „Chemtrails“ 18 Prozent. Dass die beiden Uwes vom NSU durch Geheimdienste liquidiert wurden, ist die Überzeugung von 37 Prozent der Bevölkerung. Da fällt scheinbar nicht mehr ins Gewicht, dass neun Prozent der Deutschen die Flüchtlingskrise als ein Komplott gegen Deutschland sehen.

Die Diskussionen der Tagung waren intensiv, lebendig und manchmal sehr heiter. Es war die erste öffentliche Tagung der Forschergruppe. Der Tübinger Organisator, der Amerikanist Michael Butter, kann sich die Forschung über Verschwörungstheorien nur interdisziplinär vorstellen. Es gehe um Metaphern, um Visuelles, um soziale Ursachen und die psychologischen Dimensionen. „Das Forschungsfeld ist in den letzten 20 Jahren explodiert. Die Bibliographie der Arbeiten zu solchen Theorien umfasst 70 oder 80 Seiten, vor 20 Jahren waren es vielleicht zehn Seiten“, sagte er und ist optimistisch: „Zunehmend laufen die Dinge wissenschaftlich zusammen.“


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31.07.2017 - 01:00 Uhr