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„Wir versuchen, Zweifel zu säen“
Foto: SWP Grafik
Prävention

„Wir versuchen, Zweifel zu säen“

Mehr Polizei, strengere Überwachung, schärfere Gesetze: Das Land versucht auf vielen Wegen, Anschläge zu verhindern. Doch wie verhindert man, dass jemand zum Terroristen wird?

07.10.2017
  • AXEL HABERMEHL

Stuttgart. Der Kampf gegen Terrorismus ist bundesweit eines der dominierenden Politikfelder. In engem Takt werden Gesetze verschärft, Behörden personell aufgestockt, mit mehr Befugnissen und besserer Ausrüstung ausgestattet. Das Ziel lautet: Anschläge verhindern.

Doch wie verhindert man, dass jemand Terrorist wird? Die Biografien solcher Täter sind ebenso unterschiedlich wie komplex, doch es müssen mehrere Aspekte – psychische, soziale, ideologische – zusammenkommen, damit jemand bereit ist, einen Anschlag zu verüben. Wie stoppt man solche Radikalisierungsprozesse?

„Im Bereich Prävention gibt es ganz unterschiedliche Strukturen. Kein Bundesland gleicht dem anderen“, sagt Kriminaldirektorin Belinda Hoffmann. Die 49-Jährige sitzt in ihrem Büro im 4. Stock des Stuttgarter Innenministeriums. Unten staut sich auf sechs Spuren der Verkehr, während Hoffmann die zähe Arbeit der baden-württembergischen Extremismus-Prävention skizziert.

Hoffmann leitet seit Herbst 2015 das damals gegründete „Kompetenzzentrum zur Koordinierung des Präventionsnetzwerks gegen (islamistischen) Extremismus“ (KPEBW). Das Zentrum mit vier Mitarbeitern ist als Scharnierbehörde angelegt, um alle Akteure zu verzahnen und koordinieren, die in dem Bereich tätig sind: Ministerien, Kommunen, Landkreise, Vereine, Stiftungen, Religionsgemeinschaften.

Die Strategie des KPEBW legt ein Lenkungsausschuss fest, regelmäßig tagt ein Fachbeirat. Künftig soll das Zentrum ausgebaut, auf weitere Extremismus-Bereiche erweitert werden. „Unsere Arbeit besteht vor allem in Vernetzung“, sagt Hoffmann. „Im Präventionsbereich sind viele Akteure unterwegs. Anfangs mussten wir uns erst mal einen Überblick verschaffen.“

Nicht alle Anbieter sind seriös

Das KPEBW sammelt Informationen, veranstaltet Vorträge und Seminare, für Lehrer beispielsweise, Jugendbetreuer oder Sporttrainer. Leute, die nah an Jugendlichen dran sind, sollen lernen zu erkennen, wenn sich einer radikalisiert. Oder was zu tun ist, wenn sich besorgte Eltern an sie wenden, die fürchten, dass ihr Kind nach Syrien ausreisen will.

„Wir versuchen, unser Wissen in die Fläche zu bringen“, sagt Hoffmann. Außerdem geht es um die Strukturierung des unübersichtlichen Feldes. Das KPEBW arbeitet an einer Datenbank und hat ein Handbuch herausgebracht, für das sich mehrere EU-Staaten interessieren: „Strukturelle Qualitätsstandards in der Interventions- und Präventionsarbeit gegen gewaltbereiten Extremismus.“ In der letzten Zeit ist eine richtige Präventionsindustrie entstanden. Plötzlich ist Geld für Projekte da, aber nicht alle Anbieter sind seriös und effektiv.

Das KPEBW betreut nicht selbst radikalisierte oder gefährdete Menschen. Das macht eine outgesourcte Beratungsstelle. Betreiber ist das „Violence Prevention Network“ (VPN), ein bundesweit tätiger privater Verein. Dafür zahlt das Land 450 000 Euro im Jahr. Die fünf Stuttgarter VPN-Mitarbeiter sind viel im Land unterwegs, besuchen „Klienten“ zuhause, in Schulen, Flüchtlingsheimen, Gefängnissen. Die Betreuer sollen verhindern, dass Betroffene in extremistische Szenen versinken und gegebenenfalls Ausstiege ermöglichen. „Fallbetreuung“ nennen sie das.

„Wir sind die Praktiker“, sagt Önder Ünal, Leiter der Beratungsstelle. „Wir arbeiten mit Jugendlichen, die gefährdet sind, sich zu radikalisieren. Das ist eine Form von Street-Working.“ Ünal, ein 29 Jahre alter Islamwissenschaftler in Strickpulli und Turnschuhen, stellt Mineralwasser in Kaffeetassen auf einen klapprigen Plastiktisch. Eine karge, als Büro verkleidete Wohnung in Stuttgart. Die Jalousien sind zugezogen, packenweise Broschüren liegen herum. Hier steht auch ein Kernstück der Präventionsbemühungen des Landes: ein Beratungstelefon.

Anrufe besorgter Mütter

Meistens riefen Menschen aus dem Umfeld von Jugendlichen an, Eltern oder Lehrer, oft Mütter, weil sich Kinder ungewöhnlich verändern. Ünal und sein Team prüfen dann, was sie machen können. Falls die Sache „sicherheitsrelevant“ ist, wenn jemand Gewalt befürwortet oder Anschläge rechtfertigt, seien sie „wie jeder andere Bundesbürger auch“, das den Behörden zu melden.

Die eigentliche Arbeit heißt: zuhören und reden. „Wir versuchen, Zweifel zu säen“, sagt Ünal. „Wir fahren da nicht hin und präsentieren den Leuten Gegen-Narrative zum Salafismus, sondern zeigen Interesse an der jeweiligen Person.“ Dass seine Kollegen und er viele Sprachen sprechen, sei natürlich ein Vorteil.

„Unser Ziel ist, dass derjenige sein Selbst- und Weltbild hinterfragt.“ Extremisten verlangten von Anhängern, sich nicht zu hinterfragen. „Sie sollen ihren Verstand abgeben und die Ideologie für sich entscheiden lassen.“ Viele Klienten erlebten ihre Lage als schlecht, suchten Wärme, Zugehörigkeit, Aufgaben in der Gruppe. „Die Ideologie ist oft irrelevant, die könnten sich auch in anderen Szenen radikalisieren.“ Die Radikalisierung selbst passiere stufenweise. „Niemand findet von Anfang an den IS toll oder Terroranschläge mit vielen zivilen Opfern. Aber in fortgeschrittenem Stadium kann jemand solche Taten ideologisch rechtfertigen.“

Önder ist praktizierender Muslim, hat Islamwissenschaften studiert. Das sei oft ein Türöffner. „Wir versuchen aber, theologische Argumentationen zu vermeiden.“, sagt er. „Wir spielen kein Ping-Pong, wir geben niemandem alternative Wahrheiten zu seiner Ideologie.“

Es ist eine für viele junge Menschen attraktive Ideologie: Sie verbindet individuelle Spiritualität mit sozialem Zusammenhalt und politischem Anspruch: Ablehnung des westlichen Lifestyles, Rebellion gegen Kriege im Nahen Osten. Man fühlt sich verbunden in der angeblich „weltweiten Gemeinschaft der Muslime“, verwendet Rituale, Kleidung und Sprache einer abgeschlossenen Subkultur, nutzt heroische Männlichkeitsbilder, die Faszination der Gewalt. „Die salafistische und extremistische Szene in Baden-Württemberg wächst nach wie vor“, sagt Ünal. „Vor allem in Ballungszentren stellen wir Strukturen fest, aber es gibt auch in abgelegenen Dörfern Leute, dich sich dafür interessieren.“

Jeder Interessierte kann irgendwann das Interesse verlieren. Aus Überdruss, oder weil er etwas Anderes findet. Er kann aber auch, wenn die Umstände passen, schnell tief einsinken. Ünal sagt: „Ein Problem ist: Diese Person steht oft sehr lange und intensiv unter dem Einfluss einer Gruppe. Uns dagegen trifft sie vielleicht einmal pro Woche.“

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07.10.2017, 06:00 Uhr
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