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Wilhelm Triebold zum Tod von Peter Härtling
Der Autor Peter Härtling im Jahr 2003 kurz vor seinem 70. Geburtstag. Archivbild: Metz
Der Wanderer, der Winterreisende

Wilhelm Triebold zum Tod von Peter Härtling

Im Burgholzweg, der weniger ein Weg als die Magistrale zwischen Schloss- und Spitzberg sein dürfte, hatte er sich mit seiner Frau Anfang der 1990er Jahre häuslich eingerichtet. Und blieb dann immer nur jeweils drei, vier Monate im Jahr. Die meiste Zeit verbrachte Peter Härtling in der Nähe von Frankfurt.

10.07.2017
  • Wilhelm Triebold

Doch nach Tübingen kam er immer wieder, gerade auch nach den schweren Krankheiten, die ihn vor seinem 70. Geburtstag plagten. Wie sehr habe er sich da nach dem Ammertal gesehnt, sagte er, „ich kann‘s gar nicht beschreiben.“

Wir saßen in dieser schlichten Zweitwohnung mit Weitblick, hinter ihm Otto Pankoks Porträt des Dichters Gogol und links an der Wohnzimmerwand vier missmutige Fischmäuler aus der Zeichenfeder des Kollegen Günter Grass – ein Geschenk zu Härtlings Sechzigstem. „Das literarische Quartett!“, lachte er. Doch es ging ihm schon damals nicht mehr besonders gut. Die angeschlagene Gesundheit hat mit dazu geführt, dass es ruhiger und stiller wurde um einen, der sich zuvor gerne und engagiert zu Wort meldete. Der (wie Grass, wie Böll, wie viele Intellektuelle ) auch Partei ergriff für Willy Brandts SPD, da noch vom Geist der Utopie umweht.

Das Interview allerdings, zum bevorstehenden Siebzigsten, aber auch anlässlich der gerade vorgelegten literarischen Lebenshalbzeitbilanz, die er durchaus sinnig „Leben lernen“ nannte – dieses Gespräch ließ den resignativen Grundton nie ganz verklingen.

Ich las Härtlings Autobiografie, diesen bittersanften Gerichtstag über seine ersten 40 Jahre, als verdüsterte Lebensbilanz, als eine Art „Winterreise“. Härtling stimmte zu. „Das Häufeln von Erfahrung und Erinnerung führt dazu, dass man nicht nur überglücklich auf diesem Hügel sitzt, sondern auch melancholisch“, meinte er. „Das, was ich am Anfang schreibe, die Erkenntnis, dass es in meinem Leben immer Kriege geben wird, ist schlicht und einfach trostlos.“

„Fremd bin ich eingezogen“: Die Zeile aus Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ hat ihn zeitlebens begleitet. Durchs Vertriebenen-Trauma im Schwäbischen, durch das vorsichtige, tastende Abwägen und Gewichten der Sprache, durch all die Dichter- und Künstlerbildnisse in Romanform, von Hölderlin bis Verdi, in die er immer auch eigenes Schicksal hinein schmuggelte oder besser noch: einschrieb.

„Ich brauchte diese Kindheit“, sagte Härtling damals. „Sie hat mich wahrscheinlich traumatisiert. Und sie hat dafür gesorgt, dass ich immer wieder geschrieben habe.“ Womöglich hat er so Ernst Bloch vom Kopf auf die Füße gestellt, dessen kühne Behauptung aus dem „Prinzip Hoffnung“, dass Heimat etwas sei, „was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war.“

Härtling, hatte man den Eindruck, fühlte sich fremd und nur im Schreiben heimisch. Wohl fühlte er sich unter Gleichgesinnten, den Lindenhof-Theatralikern, mit denen er die „Winterreise“ auf den Melchinger Himmelberg antrat.

„Das alte Kind“, wie er sich gleich zu Anfang seiner Erinnerungen nennt, blieb übrigens ein ewig junges: Kaum jemand hat selbst im fortgeschrittenen Alter so einfühlsam Bücher für Kinder erfunden wie er. Nun ist Peter Härtling 83-jährig gestorben.

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10.07.2017, 21:00 Uhr
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