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Mit Monster und Manga

Wie die japanische Populärkultur nationale Katastrophen aufarbeitet

Godzilla, Japans berühmtestes Filmmonster, war einst eine Reaktion auf den atomaren Schrecken. Die Populärkultur des Landes spiegelt Ängste und Traumata, aber auch Glauben an Autoritäten und Technik wider.

15.03.2011
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Wie die japanische Populärkultur nationale Katastrophen aufarbeitet
"Godzilla" (1954): Das Monster greift Tokio an. Doch sieht man es fast nie Menschen attackieren - das Individuum ist offenbar nicht in Gefahr. Fotos: Archiv

Städte vergehen in Feuersbrünsten, Landschaften verschwinden unter Fluten, Kernkraftwerke explodieren. Es sind Bilder einer Apokalypse, die uns via Fernsehen und Internet derzeit aus Japan erreichen.

Es sind ganz ähnliche Bilder der Verheerung und Zerstörung, die die japanische Unterhaltungsindustrie schon lange gewinnbringend produziert: Mit Massen an Monster- und Katastrophenfilmen wird dort seit den 50er Jahren das Schreckliche weniger beschworen denn gebannt und scheinbar bewältigt.

Wer einen Blick auf Japans Populärkultur mit ihren Sensationen, Widersprüchen und Abgründen wirft, begreift mehr über das Land in seinem Zwiespalt zwischen atomarer Traumatisierung und technoidem Fortschrittsglauben. Die fiktiven Szenarien in Filmen und Manga-Comics haben einen Hintergrund in den realen Horrorbildern von 1945.

Wie die japanische Populärkultur nationale Katastrophen aufarbeitet
Das japanische Kino ergötzt sich auf fast spielerische Weise schon lange an Untergangsszenarien: ob in "Erdbeben - Flammendes Inferno von Tokio" (1980) oder im Flutendrama "Der Untergang Japans" (2006).

Die Atombomben-Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki, die in Sekunden Abertausende töteten und Jahrzehnte für Leid sorgten, waren ein Zivilisationsschock. Die Bombentests der Nachkriegszeit im Pazifik alarmisierten die Japaner wie kein anderes Volk. Und so war das Filmungetüm Godzilla, als es 1954 auf der Leinwand erschien, vor allem eins: ein Monster als Metapher.

"Godzilla" erzählt in grimmigen, düsteren Bildern, wie ein Urzeitgigant durch Atomtests "geweckt" (nicht: erschaffen!) wird, aus dem Meer steigt und auf Tokio zumarschiert - Städte zu Klump zertretend, Feuerstrahlen ausatmend, vom Militär nicht zu töten. Erst eine neuartige Waffe, der "Oxygen-Zerstörer", macht ihm den Garaus.

Regisseur Ishiro Hondo, dessen Bilder von Kriegserlebnissen geprägt waren, wollte durch dieses Monster "Strahlung sichtbar machen". Er nahm die Charakteristika einer Atombombenexplosion und übertrug sie auf das Ungetüm. Honda ging es "um ein klares anti-nukleares Statement".

Zunächst war Godzilla die "personifizierte Rache für die durch die Technologie geschaffenen Bedrohungen der Natur", wie Filmwissenschaftler Georg Seeßlen schreibt. Doch letztlich wird der Gigant auch wieder nur durch eine raffinierte, noch gefährlichere Technik besiegt. In den zahlreichen Fortsetzungsfilmen erschienen dann viele andere Monster, und Godzilla wurde - quasi als "domestizierte Kraft der Atomenergie" - zum Sympathieträger, ja zum Beschützer der Menschen im Kampf gegen allerlei andere Gefahren.

Dieser Paradigmenwechsel passt zur politischen Entwicklung im Nachkriegs-Japan: Die militärische Schmach sollte durch wirtschaftlich-technischen Aufschwung kompensiert werden. Bereits ab 1955 wurde mit amerikanischer Hilfe die Nutzung von Atomenergie massiv vorangetrieben - just in dem Jahr, als die erste Fortsetzung "Godzilla kehrt zurück" eine Umbewertung vornahm und die Bestie bereits ambivalenter zeichnete.

Die Monsterfilm-Serie bot eine Möglichkeit, wie Seeßlen sagt, "die Angst vor der Atombombe in einem rituellen Vollzug zu bannen . . . um eine allmähliche Akzeptanz der gefährlichen Technologie herbeizuführen". In den sich wiederholenden Zerstörungaktionen der Monster (der dreiköpfige Ghedirah, der Flugsaurier Rodan, der stachelige Anguirus etc.) und ihrer letztendlichen Kontrolle gewöhnte man sich sogar an die Bedrohung. Analog lernten die Japaner trotz Atom-Trauma, die Kernenergie zu bejahen. In einem Godzilla-Film von 1968 werden sogar einmal "gute" Monster durch Atomkraft aus der Gefangenschaft befreit.

Auffallend ist dabei, dass in den Filmen - wie wohl in der Gesellschaft - militärische und wissenschaftliche Autoritäten nicht ernsthaft infrage gestellt werden. Und es ist bezeichnend, dass die Monster auf der Leinwand fast nie einzelne Menschen attackieren, sondern nur Gebäude. Es gibt keine Gefährdung des Individuums, und es geht nur um das Kollektiv, will das sagen.

Godzilla wurde zum Helden dutzender simpel-bunter Abenteuerfilme und zur Pop-Ikone, auch als Kuscheltier und Lutscher erhältlich. Domestiziert und banalisiert feierte der verniedlichte Schrecken Einzug in die Kinderzimmer.

In Japan entstanden auch andere Katastrophenfilme wie am Fließband. Doch ob Flammeninfernos, Erdbeben oder Seuchen, in diesen Werken herrscht ein spekulativ-spielerisches Element vor. Sie sind naiver Ausdruck einer unpolitischen Unterhaltungslust.

Wenn nun Aufnahmen brennender Kernreaktoren um die Welt gehen, werden die Japaner eingeholt. Vom realen Schrecken, aber auch von fiktiven Filmbildern, die einst halfen, das Atom-Trauma zu bannen und Risiken auszublenden.

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15.03.2011, 12:00 Uhr

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