Kultur in der Türkei

„Wer die Regierung kritisiert, verliert seinen Job“

Von CHRISTOPH FORSTHOFF

Weil alles Westliche verdrängt wird, sinkt das Niveau von Musik und Kunst. Die Geigerin Ingeborg Bachmann spricht mit Kulturschaffenden.

„Wer die Regierung kritisiert, verliert seinen Job“

Betont westlich gekleidet: Salut Salon in der Hagia Irene in Istanbul. Foto: Salut Salon in der Hagia Irene in Istanbul. Christoph Forsthoff

Istanbul. Entweder bleibt man sich selbst und seinen Idealen treu und damit hungrig – oder man unterstützt dieses diktatorische System und wird satt.“ Bedächtig formuliert Ömer Bilgiç* seine Worte – unüberhörbar schwingen Bitterkeit und Wut in seiner leisen Stimme, als der Komponist die Lage der Künstler in der Türkei beschreibt. „Wer die Regierung kritisiert, verliert seinen Job.“

Mit einigen Kollegen ist der 41-Jährige in die prachtvolle Kubbeli Lounge des Istanbuler Gründerzeit-Hotels Pera Palace gekommen, um Angelika Bachmann zu treffen. Denn die Hamburger Geigerin ist mit ihrem Quartett Salut Salon auf Türkei-Tournee, möchte nach Frankreich, Japan und den USA nun auch hier das Publikum spielerisch mit der Klassik verführen – und nicht zuletzt auch die heimischen Künstler kennenlernen.

Das ist alles andere als einfach in einer Zeit, da immer mehr türkische Kulturschaffende aus Angst nicht offen sprechen und ihre Namen nennen mögen. Da hier am Bosporus wie auch im übrigen Land Theater, Opernhäuser und Kulturzentren geschlossen, Musiker und Schauspieler zu Verkäufern und Lehrern werden, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

„Früher gab es nicht nur zahlreiche Jazzclubs in Istanbul, sondern ich konnte als Sängerin auch Jazzkonzerte in Hotels geben“, sagt Azra Melek* – heute sind noch eine handvoll Jazzhäuser in der 15-Millionen-Einwohner-Stadt geöffnet. Der Trompeter Yusuf Korkmaz* sagt: „Gefördert wird von der Regierung allein noch die populär-populistische Kultur – ich habe inzwischen aufgehört, mit meiner Band zu spielen.“

Die Denke der regierenden islamisch-konservativen AKP sei in kultureller Hinsicht sehr schlicht, sagt Korkmaz: „Wenn sie sehen, dass Oppositionelle westliche Musik, Sinfonieorchester oder Opern mögen, dann verdammen sie all dies schon mal grundsätzlich.“ In deren Weltbild gebe es keinen Platz für ästhetische Ideen von Kultur und Musik, stattdessen werde versucht, das Land zu spalten und Hass zu säen zwischen AKP-Anhängern und Kemalisten.

Kein Wunder, dass da auch auf der aktuellen Kunstbiennale in Istanbul kaum kritische Auseinandersetzungen mit dem autokratischen System zu finden sind. „Ein guter Nachbar“ lautet das diesjährige Motto – doch wie verhält sich ein Künstler, wenn statt des guten Nachbarn Big Brother allgegenwärtig ist?

In den vier Videoinstallationen in der Mars-Galerie im Stadtteil Beyoglu geht es um (historische) Konflikte, Krieg, Flucht und Vertreibung in Schottland, Norwegen, Gaza und Russland. Eine Auseinandersetzung mit den türkischen Krisenregionen sucht der Betrachter indes vergebens.

Ein allzu heißes Eisen – und doch sei die zweimonatige Schau mit über 50 nationalen und internationalen Künstlern ungemein wichtig für die Stadt, sagt die Galeristin P?nar Ögrenci; denn gerade aus dem Ausland kämen ob der willkürlichen Verhaftungen und (in-)direkten Drohungen aus Regierungskreisen inzwischen immer weniger Kulturschaffende, reiße der Kontakt in die Kunstszenen anderer Länder zunehmend ab.

Salut Salon sind gekommen – ganz bewusst. Bachmann: „Als Musiker können wir gerade in dieser Zeit ein Zeichen setzen, wenn wir in solch ein Land fahren und den Austausch mit den Künstlern dort suchen.“ Nicht zuletzt als flotter Frauen-Vierer, denn auch in der heute als Konzertsaal genutzten, mehr als 1500 Jahre alten Kirche Hagia Irene in Istanbul und der Sura Konzerthalle in Ankara verzichten die Damen nicht auf Dekolletés, figurbetonte Kleider und offenes Haar – obgleich im Publikum nicht wenige Frauen mit Kopftuch, Tschador, ja sogar Ganzkörperschleier sitzen.

Und doch sind es gerade die Besucherinnen, denen dieser selbstbewusste Auftritt der Deutschen gefällt. Sie machen nach den Konzerten voller Begeisterung Handy-Fotos mit den Musikerinnen und schwärmen von Saint-Saëns Cello-„Schwan“ oder den pianistischen Bocksprüngen von Iberts „kleinem weißen Esel“.

Westliche Musik verschwindet in den Konzerten der von staatlicher Seite unterstützten Orchester und Ensembles zunehmend von den Programmen. Bilgiç Werke sind mit einem Aufführungsverbot belegt worden. Die Folge, stellt Geigerin Nehir Özdal* fest: „So wie die künstlerische Qualität generell nachgelassen hat durch die seltsame Förderpolitik der Regierung, sinkt auch das Niveau in den Konzerten.“ Immer mehr ihrer Kollegen zögen sich in die innere Emigration zurück – „und auch wenn ich meine künstlerische Leidenschaft noch nicht aufgegeben habe, so habe ich doch die Hoffnung auf einen Wandel verloren“.

*Name von der Redaktion geändert


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08.11.2017 - 06:00 Uhr