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Anpfiff

Wenn er geschwiegen hätte...

09.01.2016
  • von Hansjörg Lösel

Es schien ein Routine-Telefonat zu werden. Denn das Interview mit Helmut Digel war vor wenigen Wochen im überregionalen Teil unserer Zeitung erschienen, der Anrufer aus Melsungen deshalb schon beinahe an unsere Ulmer Redaktion weitergeleitet. Doch der Mann blieb hartnäckig, stellte sich als Alwin Wagner vor. Und der 65-Jährige, mehrfacher deutscher Diskus-Meister und Olympia-Teilnehmer 1984, hielt mit seiner Meinung zu Digels Äußerungen nicht hinterm Berg: Ein Heuchler sei der frühere Chef des Tübinger Instituts für Sportwissenschaft, der im erwähnten Interview beklagte, im Kampf gegen Doping nach jahrzehntelanger Funktionärs-Tätigkeit gescheitert zu sein.

Doch Digels Einsicht kommt spät. Zu spät, findet Alwin Wagner. In einer Mail ans TAGBLATT begründet der frühere Diskuswerfer seine Kritik an Digel. Der frühere Tübinger, der inzwischen in Bayern lebt, stand immerhin von 1993 bis 2001 an der Spitze des deutschen Leichtathletik-Verbands. „Warum hat er mit diesem dopingverseuchten Verband nicht sofort aufgeräumt?“ fragt Wagner. Er war einst selbst Teil des westdeutschen Doping-Systems, machte seine eigenen Vergehen öffentlich. Freimütig bekannte er unter anderem 2015 in einem Fernseh-Beitrag des Südwestrundfunks, über Jahre hinweg Dopingmittel eingenommen zu haben – verschrieben von Armin Klümper, dem berüchtigten Sportmediziner der Uni Freiburg. Als aktiver Athlet versuchte Wagner schon Anfang der 1980er Jahre die Öffentlichkeit über die Doping-Praktiken deutscher Sportler aufzuklären. Und stieß auf Desinteresse. Auch und gerade bei den Funktionären. Ähnliches weiß Hansjörg Kofink zu berichten. Der Wurmlinger war in den 70er Jahren als Bundestrainer zurück getreten, weil er das systematische Doping der Diskus-Werferinnen nicht mehr mittragen konnte. Wagners These: Schon immer duldete der deutsche Sport Doping, aber selten einen Dopingfall. Anders ausgedrückt: Solange sich keiner erwischen ließ, mussten die Athleten nichts befürchten, der Erfolg heiligte auch im Westen die Mittel. Doch wehe, ein Sünder ging ins Netz: „Mit Bauernopfern machten die Funktionäre allerdings kurzen Prozess und gingen sofort an die Öffentlichkeit“, schreibt Wagner, „sie wollten damit eine Entschlossenheit demonstrieren, die es in Wirklichkeit nicht gab.“ Auch heute werde nur zugegeben, was nicht mehr zu leugnen ist, so Wagner. Sein Vorwurf: Digel, dem durch seine diversen Posten die Informationen hätten vorliegen müssen, habe sich während seiner aktiven Funktionärs-Laufbahn nicht an der Aufarbeitung der bundesdeutschen Dopingvergangenheit beteiligt. Anfang der 90er Jahre habe er, Wagner, dem Rechtsausschuss des DLV und der Staatsanwaltschaft Darmstadt schriftliche Nachweise für Doping-Praktiken vorgelegt. „Aber nichts geschah, auch Helmut Digel sprach mich später nie darauf an“, so Wagner. Und deshalb nennt er den DLV-Ehrenpräsidenten nun „einen Heuchler in Sachen Doping“.

In den überregionalen Zeitungen stieß Digels „bitteres Fazit“ vor einigen Wochen auf großes Echo. Da war wieder vom Querdenker zu lesen, doch außer dem mahnenden Zeigefinger blieb letztlich wenig Konkretes haften. Resignation angesichts der unguten Entwicklung des Sports war auch in den jüngsten Publikationen des Soziologen unübersehbar. Und Digel erinnerte in gewisser Weise an Theo Zwanziger, den verbitterten Fußball-Präsidenten, der nach dem Ende seiner Amtszeit plötzlich über dunkle Machenschaften berichtete. Si tacuisses, philosophus mansisses. Vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, auch Digel hätte geschwiegen.

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09.01.2016, 01:00 Uhr
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