Musical

Wenn Whitney Houston in Stuttgart aufersteht

Von JÜRGEN KANOLD

„Bodyguard“ am Stage Palladium Theater ist weniger ein Bühnen-Thriller als eine Hommage an die Soul-Diva. Aisata Blackman singt das großartig.

Wenn Whitney Houston in Stuttgart aufersteht

Mitreißend: Aisata Blackman als Rachel. Foto: Stage Entertainment

Stuttgart. Wird Kevin Costner singen? Also vielmehr der Darsteller des Leibwächters von Whitney Houston? Ach, man kommt ganz durcheinander, das Musical „Bodyguard“ ist natürlich ohne den Kinofilm, der 1992 weltweit 400 Millionen Dollar einspielte, und seine Superstars nicht denkbar – und will es auch nicht sein.

Frank Farmer, der ehemalige Geheimagent, der die Soul-Diva Rachel Marron vor einem gefährlichen Stalker schützen soll und sich unsterblich, aber mit dem Einsatz seines Lebens in sie verliebt, singt tatsächlich nicht. Ein eigenartiges Musical, in dem der männliche Titelheld keine Stimme hat. Macht aber nichts: „Bodyguard“ im Stage Palladium Theater in Stuttgart-Möhringen, das ist eine glamouröse Whitney-Houston-Hommage. Eine tolle Cover-Show mit den Welthits der vor fünf Jahren verstorbenen Pop-Ikone.

Was soll der Bodyguard auch singen? Und doch hat Frank seinen Auftritt, bezeichnenderweise in der Karaoke-Bar. Ein netter Kniff der Autoren – Alexander Dinelaris („Birdman“) schrieb die Bühnenfassung nach dem Drehbuch und mit Einverständnis von Lawrence Kasdan. Rahel will sich also mal einen schönen Abend machen, und weil es blöd ist, wenn der Leibwächter einem nach dem Date eventuell noch ins Schlafzimmer folgen muss, geht sie gleich mit Frank aus.

Der ziert sich zunächst, ganz professionell. Dann spielen sie ein Spiel, die Liebesgeschichte muss ja mal zünden: Rachel überredet Frank zum Karaoke, und der wählt selbstverständlich „I Will Always Love You“ aus. Er spricht eher, mit falschen Tönen, aber echten Gefühlen. Und dann geht Rachel ans Mikro und bestätigt, zur Freude hysterischer Fans, die sie erkennen und das Handy zücken, von ganzem Herzen den Song. Rührend, romantisch. Auch komisch. Das sorgt für Applaus.

Es gibt, grob gesagt, zwei Kategorien von Musicals: Stoffe, für die ein Komponist extra eine Musik schreibt. Leonard Bernsteins „West Side Story“ bleibt da unschlagbar. Weil die Branche aber ungern Risiken eingeht und viele neue Produktionen noch nicht mal einen halben Ohrwurm pro Abend anbieten, sind die Best-of-Shows in Mode gekommen: Man nehme Hits und stricke sich eine Story drumherum – „Mamma mia!“ mit einer Auswahl an Abba-Schlagern etwa ist ein Kassenknüller. „Bodyguard“ ist, als Film-Adaption, ein Zwitter: Die Handlung steht, und der Soundtrack samt „I Will Always Love You“ (weltweit millionenfach verkauft) sind die perfekte Basis – aber die Macher haben dankenswerterweise noch viele weitere Houston-Hits eingespeist.

Ein Team um Regisseurin Thea Sharrock brachte „Bodyguard“ 2012 im Londoner West End heraus, 2015 war Deutschlandpremiere in Köln, jetzt bespielt Stage Entertainment damit Stuttgart. Mit einem Kracher geht's los, mit der „Queen of the Night“, als tanzte nicht Whitney Houston, sondern Tina Turner. Show-Auftritte, die sind effektvoll garantiert in dieser Aufführung. Die filmbekannte Geschichte wird filmisch schnell und schauplatzreich solide erzählt. Der Stalker, der zum Mörder wird, ist per Videoprojektion von Anfang an im Bild und sichtbar das bedrohliche Böse.

Fletcher sorgt für kindliche Emotionen: Frank darf der warmherzige Vaterersatz für Rachels Sohn sein – damit gewinnt er die Sympathien der launischen, so unbesorgten Diva. Stärker als im Film ist die Rivalität der Schwestern herausgearbeitet: Die hoch talentierte Nicki muss eifersüchtig mit ansehen, dass Rachel nicht nur die Karriere gemacht hat und allen Ruhm erntet, sondern jeden Mann, auch Frank, ins Bett kriegt. Die musikalische Pointe: Nicki singt ebenso Houston-Hits, und Zodwa Selele tut das in Stuttgart mit heller Power.

Finale mit Oscar

Den Thriller in der Love-Story verschenkt die Regie: Die Szene in der Blockhütte, in der der Stalker auftaucht, verhuscht, trotz Pistolenknallerei. Der Showdown bei der Oscar-Zeremonie? Da böte das Stage Palladium Theater selbst den besten Schauplatz für die Theaterkulisse in Hollywood. Nein, das soll nicht verraten sein, aber ein Spektakel wie etwa in „Rocky“, wo sich der Zuschauerraum am Ende in eine Box-Arena verwandelt, darf man nicht erwarten.

Dafür hat Aisata Blackman als Rachel als Whitney Houston große Auftritte: goldglänzend, statuengleich vor dem Oscar-Profil mit „One Moment In Time“. Dann als Königin einer sternfunkelnden Nacht des Pop, lichtumspült, noch einmal mit „I Always Love You“. Und als Zugabe nach großem Jubel bei der Vorpremiere „I Wanna Dance With Somebody“ als Show-Act vor stehend mitklatschendem Publikum.

Das ist jetzt ein mitreißendes Whitney-Houston-Revival-Konzert. Es funktioniert aber nur, weil die Holländerin Aisata Blackman grandios singt, so kraftvoll wie beseelt. Aber was heißt nur?


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


29.09.2017 - 06:00 Uhr