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Was geht?
Die digitale Welt ist für Vasee ein Schaufenster: ein kurzes Hallo und versuchen, die Leute an den Laden zu binden.
Musikproduktion

Was geht?

Mit Musik lassen sich auch in digitalen Zeiten gute Geschäfte machen. Man muss sich nur breit aufstellen und Multitasking betreiben. Ein Besuch beim künstlerischen Mittelstand.

23.06.2017
  • TEXT: Alex Wiemer|FOTO:

Vassilios Parashidis, Künstlername Vasee, muss manchmal schon schmunzeln, wenn er daran denkt, wie sich die Musikkultur in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Zum Beispiel boomt das Live-Geschäft, weil kaum noch Tonträger verkauft werden. Aber wer nicht schon etabliert ist oder ein entsprechendes Werbebudget aufbringt, erhält immer seltener die Gelegenheit live zu spielen oder dabei zu verdienen. Einerseits ist der Markteinstieg günstiger denn je: Studio-Software gibt es ab 400 Euro und über soziale Netzwerke kann man die Fans direkt erreichen. Andererseits gibt es Musik über Streaming-Anbieter wie Spotify heute kostenlos. Die Höhe der Vergütung ist weder vergleichbar noch nachvollziehbar und liegt bei maximal 0,0075 Euro pro Stream. Und die eigene Musik aus Protest sperren zu lassen wie Adele oder Taylor Swift, können sich weniger bekannte Acts kaum leisten. „Man muss flexibel sein. Wie eigentlich immer schon“.

Seit 20 Jahren ist der Reutlinger mit griechischen Wurzeln hauptberuflich Musiker und freischaffender Künstler. Und ein Original. Es gibt sicher nicht viele, die behaupten können, mit Hip-Hop-Größen wie Fettes Brot und Samy Deluxe getourt, aber auch mit Howard Carpendale im Fernsehgarten aufgetreten zu sein – und ein Nischenpublikum zu haben, das genau diese Bandbreite an ihm schätzt. Vasee ist ein gutes Beispiel für den sogenannten 360°-Musiker, der sich ohne Plattenfirma finanziert. Er ist Musik- und Videoproduzent, Booking-Agentur und Vertrieb in einer Person. Als Autor komponiert und textet er für Schlagerstars wie Carpendale oder Yvonne Catterfeld. Außerdem betreibt er seine eigene Videomarketingfirma Vau.Media für Musiker und Labels, aber auch Firmen, die Image-Filme oder Produkt-Präsentationen benötigen. Zu den Kunden zählen Daimler, Elring Klinger oder Easy Sports.

Angefangen hat Vasee Ende der 90er in der Hip-Hop-Szene Reutlingens. Er gründete eine Künstlergemeinschaft in einem Loft mit dazugehörigem Studio und erspielte sich schnell einen Ruf über Konzerte, darüber baute er sich ein Netzwerk auf und wurde weiterempfohlen. Hartes Lehrgeld blieb ihm trotzdem nicht erspart: Für sein Debütalbum engagierte er ein Orchester und blieb auf den Schulden sitzen. Heute ist Vasees Headquarter eine zehn Quadratmeter große Bude im Atlantis-Studio in Reutlingen-Sondelfingen. Dessen Betreiber, Ulrich James Herter, ist ein Urgestein im deutschen Pop, der unter anderem die Neue Deutsche Welle („Sternenhimmel“), aber auch die Werbewelt geprägt hat. Vasee nutzt dieses Umfeld und das Umfeld ihn.

Könnte er nur von seiner eigenen Musik leben? „Ja. Wobei man das eh nicht mehr getrennt voneinander sehen kann: Multitasking gehört heute dazu“. Das heißt, mal steht ein Videodreh an oder die Konzeption dazu, mal ein Auftritt oder Studioprojekt und nebenher ist man ständig sein eigener Promoter auf den sozialen Kanälen. Über die neuen digitalen Zeiten jammert Vasee nicht. Im Gegenteil. Was Youtube und Facebook einem Künstler bieten würden, meint er, könne eine Plattenfirma eigentlich nicht toppen: Die direkte Ansprache, die Vernetzung mit Fans ähnlicher Künstler und zielorientierte Werbung. Vasee konzentriert sich ganz auf Social Media-Kanäle und nutzt Digitalvertriebe für unabhängige Künstler und Labels, die Titel auf passende Plattformen verteilen. „Wenn ich nicht mindestens dreimal die Woche etwas poste, verliere ich meine Kundschaft“. Letztere ist zwischen 30 und 50 und durchaus noch bereit Tonträger zu kaufen und auf Konzerte zu gehen. Zahlen nennt er keine, aber es reicht als Lebensgrundlage aus. Der Erlös geht schließlich nahezu komplett an ihn selbst.

Für Februar 2018 plant Vasee einen CD-Release, bisheriger Arbeitstitel: „Schmetterling“. Musikalisch handelt es sich um deutschen Songwriter-Pop, wie man ihn von Andreas Bourrani kennt, tanzkompatibel und mit einer Dosis Hip-Hop-Flair. Bewerben tut er das Album schon seit Anfang des Jahres: Auf seinem Facebook-Kanal hat er einen Countdown angelegt und unterfüttert diese Zeitspanne mit einzeln geposteten Songs und Video-Blogs. „Das ist mein Vorteil, ich kann spontaner, aber auch langfristiger agieren als ein Label. Das muss sich an einen einmal festgelegten Plan halten und durchziehen, weil der nächste Künstler schon in der Pipeline wartet“.

Andere Musiker bevorzugen die Infrastruktur und die Abläufe, die einem ein Label bietet. Johannes Bruhns ist diesen Schritt gegangen: drei Alben auf zwei verschiedenen Labels als hoffnungsvolles Talent unter dem Künstlernamen Tua veröffentlicht, dann beim Independent-Label Chimperator gelandet, wohlgefühlt, geblieben. Vor allem mit der Hip-Hop-Formation Die Orsons ist er auf großen Bühnen und in den Charts zu finden. Als er in seiner Heimatstadt Reutlingen anfing, lernte er relativ bald Vasee kennen und gehörte zu den jungen Wilden in dessen Künstlertreff mit Studio. Was er sich damals aneignete, bildet bis heute sein Grundgerüst als Musiker: komponieren, Texte schreiben und rappen, clubtaugliche Beats und Hooklines produzieren und auch sonst ein Allrounder sein. Letzteres, das konnte der Rapper in den letzten zehn Jahren miterleben, ist entscheidend dafür, dass ein Label heute überhaupt auf Newcomer aufmerksam wird. Um ihr Risiko möglichst klein zu halten, verzichten die meisten Labels zunehmend auf eine Rundumbetreuung und setzen auf unternehmerische Künstler. Also solche, die nicht allein musikalisches Talent haben, sondern sich nachweislich gut verkaufen und eine Fanbase haben und pflegen können. Wozu braucht man dann eigentlich noch ein Label? „Wegen dem Knowhow und den Kontakten“. Wie man von A nach B komme und den nächsten Karriereschritt macht, könne man sich auch selbst erarbeiten, aber es brauche länger das herauszufinden.

Das Stuttgarter Label Chimperator landete vor ein paar Jahren mit dem Rapper Cro einen Coup und stieg damit definitiv in die Pop-Liga auf. Dem vorausgegangen war die Gründung der Orsons: ein zugkräftiger Gegenentwurf zum allseits erfolgreichen Gangster-Rap und seinen harten Posen. Heute gelten diese als Vorreiter für Cro & Co. Auf Facebook hat Cro 2 Millionen „Likes“, die Orsons rund 137.000, Tua etwa 52.000. Für das Geschäft bedeutet das: einerseits besserer Marktwert, bessere Chancen auf Werbeverträge und dadurch mehr Schaltgeld für eine gute Platzierung auf Youtube. Andererseits sind Follower und „Likes“ nicht gleichbedeutend mit zahlenden Kunden. „Die beste Einnahmequelle sind deshalb Konzerte und Merchandise“. Die im Studio produzierte Musik selbst, auch in Form eines Videos, sei auf dem digitalen Markt nur eine Visitenkarte, ein kurzes Hallo.

Grundsätzlich gelte für Musiker, ob ohne Plattenfirma oder nicht, dass man sich breit aufstellen muss. Tua ist neben seiner Musikertätigkeit auch im Videomarketing tätig, erstellt Remixe und produziert Stücke für andere Musiker. Am lukrativsten sind freilich die Orsons. Ein von ihm verfasster Song für einen Jägermeister-Clip, brachte der Formation einiges an Geld ein. Das finanziert zum Teil auch seine Solosachen, die deutlich düsterer, elektronischer und experimenteller sind. Sein Standing in der Hip-Hop-Szene ist jedenfalls ungebrochen. Letztes Jahr legte Tua sein Frühwerk nochmal neu auf und absolvierte dazu eine erfolgreiche Tour. „Kommerz oder Kunst, ist gar nicht unbedingt die Frage. Es geht für Musiker heute darum, möglichst viele Töpfe anzuzapfen. Ein gutes Label kann einem dabei helfen, die richtigen auszuwählen“.

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23.06.2017, 08:29 Uhr
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