Schauspiel

Warum nicht mal was Altes

Von OTTO PAUL BURKHARD

René Pollesch wirbelt in Stuttgart wieder Diskurs und Trash durcheinander, diesmal mit einem starken Chor junger Frauen – und so manchem Déjà-vu.

Warum nicht mal was Altes

Stark: Astrid Meyerfeldt und der Frauen-Chor in „Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?“ Foto: Thomas Aurin

Stuttgart. Was über Theater und Fußball, und dann noch von René Pollesch! Der längenrekordverdächtige Stücktitel legt das zumindest nahe: „Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?“ Doch Pollesch hat mal wieder eine falsche Fährte gelegt. Fußball kommt nicht vor – nur der Titel wird ein einziges Mal erwähnt. Aber sonst: kein Ball, nirgends. Immerhin lässt sich nicht leugnen: Der neue Pollesch dauert am Schauspiel Stuttgart 90 Minuten.

Aber selbst dieses knappe Format ist nichts Besonderes, es gehört bereits zum Prinzip Pollesch. Der 55-Jährige hat in fast 20 Jahren eine unverwechselbare Theaterform entwickelt, in der er Diskurs und Pop, Theorie und Trash, Slapstick und Schreiattacken aufeinander krachen lässt.

Und jetzt, der neue Pollesch? Wie immer knallig, auch bei der Premiere am Freitag, sind seine verheißungsvollen Anfänge. Die Beach Boys sülzen „God Only Knows“ aus den Boxen, eine riesige Tiger-Fratze qualmt effektvoll aus den Nüstern, und ein Kampf-Chor junger Stuttgarter Frauen brüllt „Ich bin der Mann!“ ins Publikum – und legt gleich noch drohendes Trump-Bashing nach: „Pussy grabs back!“

Rasante Satzschleifen

Weiter geht's im Pollesch-Stil: Kapitalismuskritik in Schnellsprechtempo. Das fünfköpfige Schauspielerteam um Astrid Meyerfeldt fightet sich weitgehend absturzfrei und mit wenig Souffleuse-Einsätzen da durch – rasante Satzschleifen ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs. Was ist diesmal Thema? Das Ideal einer „permanenten Selbstrevolutionierung“. Und der wachsende Zweifel daran – frei nach Szene-Vordenkern wie Slavoj Zizek. „Jaja, immer nur neu neu neu. Warum nicht mal was Altes.“ Überhaupt, auch Zweifel am Prinzip der Veränderung: „Weiter heißt für einige, dass es immer nur wieder anders sein muss. Aber das ist nicht weiter.“

Klar, humorige Brechungen sind eingebaut. Kann sein, dass in Polleschs abenteuerlichem Turbo-Diskurs auch schon mal jemand kurz aussteigt: „Das sind doch alles nur Beiträge zu meiner Gesamtverwirrung.“ Und wenn die Sprech-Loops nur noch auf der Stelle treten, mahnt jemand: „Hört mal, wir brauchen hier was, das die Handlung vorantreibt.“ Prompt senkt sich zuweilen durch ein Loch in der Decke ein riesiges rotes Monstergebilde herab, das als Zunge, Klitoris oder Couch gedeutet werden kann. Dann wieder: komplexe Theorie, starke Tanzeinlagen des Chors (der auch dank Bühnentechnik kollektiv im Boden versinken kann) und fette Pop-Dröhnung mit „Do It again“ oder „Summer Nights“ aus den Boxen. Natürlich geht's auch um Polleschs Film-Obsession, um „Gloria“ von John Cassavetes, um Louis Malles „Mein Essen mit André“, um Grotowski-Theater und mehr. Um fast alles eben.

Astrid Meyerfeldt ist das Zentrum. Sie spielt die Wahrheiten-Verkünderin, die Verirrte, die Filmdiva und sich selbst. Gut, es gab schon wildere Pollesch-Abende. Eins seiner aktuellen Stücke heißt denn auch „Ich kann nicht mehr“. Das aber lässt sich, je nach Betonung, verschieden deuten: als Burn-out-Abgesang und als So-bin-ich-eben-Bekenntnis. Zum Ende der Castorf-Ära in Berlin hat Pollesch ein Abschieds-Stück vorgelegt: „Volksbühnen-Diskurs“. Und ob es in Stuttgart mit Pollesch nach Armin Petras' Abschied 2018 je ein Wiedersehen gibt, steht in den Sternen. „Soll ich das Licht ausmachen?“ fragt Astrid Meyerfeldt am Ende. „Ja, mach's aus!“ skandiert der Chor. Allen Déjà-vus zum Trotz: stürmischer Beifall.


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30.10.2017 - 06:00 Uhr