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Regeln und Bräuche

Wandergesellen müssen kinderlos, schuldenfrei und ledig sein

Sie erscheinen wie ein Relikt aus alten Zeiten, fast wie ein Museumsstück: Die schwarze Kluft, der große Hut, das fest verschnürte Hab und Gut und der Wanderstab lassen die Gesellen auf der Walz unzeitgemäß erscheinen. Was veraltet wirkt, ist auch heute noch weit verbreitet.

27.11.2012
  • Angela Wistuba, 18

Wandergesellen müssen kinderlos, schuldenfrei und ledig sein
Auf der Walz

Viele junge Männer und auch Frauen zieht es in die große weite Welt hinaus. Es kann aber nicht jeder auf Wanderschaft gehen, nein, losziehen darf nur, wer eine Handwerkslehre abgeschlossen hat, ledig, kinderlos und schuldenfrei ist. Die Wanderschaft, die gewöhnlich drei Jahre und einen Tag dauert, ermöglicht es den Gesellen, Arbeitserfahrung zu sammeln und neue Länder und Kulturen kennenzulernen. In einem Wanderbuch werden die bereisten Orte und die Arbeitsstellen festgehalten. Außerdem erhält der Geselle ein Zeugnis.

Am bekanntesten sind die Zimmerleute mit ihrer schicken schwarz-weißen Kluft. Auf Wanderschaft gehen jedoch auch Instrumentenbauer, Schreiner, Bootsbauer und viele andere Handwerker. An der Krawatte („Ehrbarkeit“) erkennt man, welchem Schacht jemand angehört; Freireisende tragen keine.

Der Reisende darf dem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen – ursprünglich wollten die Meister so sicherstellen, dass ihre ehemaligen Lehrlinge ihnen keine Konkurrenz machten. Man bezeichnet diese Region auch als Bannmeile. Nur in absoluten Notfällen, wie schwere Krankheit oder ein Todesfall in der Familie, darf die Bannmeile durchbrochen werden. Seit jeher ist es verpönt die Walz vorzeitig abzubrechen, heutzutage hat das jedoch nicht so schwerwiegende Folgen wie früher. Ein Abbruch verhinderte die Zulassung zur Meisterprüfung, erschwerte die Arbeitssuche erheblich und wurde auch von der Gesellschaft kritisch beäugt. Dies war bereits im Spätmittelalter so, damals nahm die Walz vermutlich ihren Ursprung. Im 14. Jahrhundert gründeten sich erste Gesellenbruderschaften, auch Schächte genannt, die bis heute Bestand haben. Diese greifen den Gesellen unter die Arme, bieten Versicherungen an und fungieren teilweise als Sittenpolizei. Einige Regeln und Bräuche gelten bereits seit über 800 Jahren.

Wandergesellen müssen kinderlos, schuldenfrei und ledig sein
Dieser Autoaufkleber ist leicht irreführend, denn ein Fahrzeug dürfen Wandergesellen nicht besitzen. Der Fahrer des so geschmückten Wagens hält aber wahrscheinlich an, wenn er einen Gesellen mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand stehen sieht.

Erst seit den 80er-Jahren können auch Frauen auf die Walz gehen, allerdings nicht in allen Schächten. Die Gesellen dürfen keine öffentlichen Verkehrs- und Kommunikationsmittel benutzen. Liegt das Reiseziel außerhalb Europas, darf auch das Flugzeug benutzt werden. Hauptsächlich reisen Wandergesellen per Anhalter, was sich jedoch nicht immer so einfach gestaltet: Sie müssen oftmals stundenlang im Regen oder Schnee ausharren, bis sich ein Autofahrer ihrer erbarmt.

Die Walz ist nicht immer einfach, weil man ständig von der Hand in den Mund lebt. Die Gesellen sind darauf angewiesen, immer wieder eine neue Arbeit zu finden. So muss beispielsweise ein Zimmermann von Ort zu Ort ziehen und bei Zimmereien nach Arbeit fragen. Zudem benötigt er auch einen Schlafplatz und die Möglichkeit, seine Wäsche zu waschen.

Trotz widriger Umstände besitzen die Reisenden das höchste Gut, die Freiheit. Die Walz bietet auch die Gelegenheit über das Leben nachzudenken und philosophischen Fragen nachzugehen. Bei Gesellenabenden hingegen kommt heitere Atmosphäre auf, was nicht zuletzt an der Trinklaune der Gesellen liegt. Nach all den Eindrücken und Erfahrungen fällt es vielen schwer, in den Alltag zurückzukehren. Unter Gesellen sagt man sich: „Es ist schwer, von zu Hause loszugehen, aber unendlich viel schwerer, zurückzukommen.“

In der Irish-Folk-Band Lads Go Buskin spielen ehemalige Wandergesellen. Jimmy Maas, Gitarrist und Sänger, hat seine Erlebnisse auf der Walz musikalisch verarbeitet. Bei einem Auftritt in Hechingen berichtete er den FLUGPLATZ-Reporterinnen Angela Wistuba und Ruth Juraschitz, welche Regeln es auf der Walz gibt, was die geschichtlichen Hintergründe sind und was es mit Begriffen wie „Kerbholz“ auf sich hat.

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27.11.2012, 12:00 Uhr
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