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Umwelt

Vorreiter bangt um seine Rolle

Zur Weltklimakonferenz laden zwei Länder ein. Die Fidschi-Inseln fürchten um ihre Dörfer, Deutschland um das Erreichen seiner Schutzziele.

04.11.2017
  • MARTIN HOFMANN

Bonn. Gegensätzlicher können die zwei Veranstalter der Weltklimakonferenz kaum sein, die am Montag fast zwei Wochen in Bonn tagt. Die Regierung der Fidschi-Inseln verlegt gerade 42 Dörfer von der Küste weg. Der Meeresspiegel im Südpazifik steigt – seit 1993 im Schnitt um sechs Millimeter pro Jahr. Die inzwischen 15 Zentimeter reichen bei Hochwasser an die Häuser. Die hundert bewohnten Eilande sind meist vulkanischen Ursprungs und bieten die Möglichkeit, an Berghängen zu siedeln. Eine privilegierte Situation. Als gefährdeter gelten Atolle wie die Marschall-Inseln. Zwei Meter ragen sie aus dem Ozean.

Zum Temperaturanstieg der Erdatmosphäre tragen die rund 900 000 Fidschis kaum bei. Pro Kopf emittiert jeder Insulaner jährlich 1,5 Tonnen Kohlendioxid. Jeder Deutsche entlässt 9,4 Tonnen Treibhausgase in die Lufthülle des Planeten. Auf der Weltrangliste der Emittenten rangiert die Inselrepublik hundert Plätze hinter Deutschland, das als Exportweltmeister einen durchaus passablen 36. Platz einnimmt. Und da die Inseln beileibe nicht über genug Hotelbetten verfügen, um die rund 23 000 Teilnehmer zu beherbergen, findet die 23. Klimakonferenz in Bonn, dem Sitz des UN-Klimasekretariats, statt.

Zweifellos zeigen die wenigen Zahlen, wer den Klimawandel maßgeblich zu verantworten und wer mit den gravierendsten Folgen zu kämpfen haben wird. Die Weltgesellschaft der Meteorologen schildert in ihrem jüngsten Bericht, dass die Treibhausgase in der Atmosphäre 2016 mit 403 von einer Million Teilchen einen neuen Rekordwert erzielt haben. Ähnliche Konzentrationen hat der Globus vor 3 bis 5 Millionen Jahren erlebt. Die Temperatur war im Schnitt 2 bis 3 Grad wärmer, der Meeresspiegel 10 bis 20 Meter höher. Die sonst üblichen Alarmglocken lassen die Wetterkundler dennoch nicht schrillen. Bleiben die heutigen Folgen der Erwärmung mit 0,8 Grad Celsius höherer Temperatur als vor der Industrialisierung doch weit hinter den damaligen zurück. Nüchtern listen die Meteorologen alle Ursachen auf: Zunahme der Weltbevölkerung, verstärkte Landnutzung, großflächige Waldrodungen, fortschreitende Industrialisierung mit höherem Verbrauch fossiler Energieträger. Sie teilen mit, dass der Ausstoß an Treibhausgasen in den vergangenen zwei Jahren weniger rasch angestiegen ist als zuvor, aber nie in so kurzer Zeit in die Höhe schnellte wie in den letzten 150 Jahren.

Invasion fremder Tierarten

Weit glimpflicher wird der Klimawandel Deutschland tangieren. Nach Darstellung des Helmholtz-Zentrums in Geestacht ist mit längeren Hitzewellen, verstärkten Niederschlägen mit Sturzfluten, anhaltenden Dürreperioden, der Invasion fremder Tierarten zu rechnen. Sie belasten chronisch Kranke, alte Menschen und Allergiker stärker als andere. Sie vermindern die Neubildung von Grundwasser und reduzieren die Produktivität der Acker- und Waldböden. Der Rat der Klimaforscher: Die gesamte Gesellschaft muss Maßnahmen ergreifen, um die Risiken besser zu beherrschen und die Folgen der Extremereignisse zu minimieren. Vor exakten Vorhersagen, welche dieser anormalen Unwetter wann und wie oft auftreten, warnt die Europäische Umweltagentur. Beobachtungen seien nicht immer exakt, Szenarien beruhten auf komplexen Annahmen, die nicht so eintreten müssten.

Beim Klimaschutz steht die Bundesrepublik international noch als Vorbild da, droht aber ihre Vorreiterrolle zu verlieren. Ihr Versprechen: die Treibhausgase bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zurückzufahren. Die Zweifel wachsen, dass es gelingen wird, 156 Millionen Tonnen einzusparen – vor allem Kohlendioxid, aber auch Methan, Distickstoffoxid und andere Kohlenwasserstoffe. „Das entspricht in etwa dem Ausstoß des gesamten Verkehrs“, erklärt Patrick Graichen von der Denkfabrik Agora Energiewende. In einer Studie zeigt er auf, dass die Industrie bisher 34, die Energiewirtschaft 27, der Gebäudesektor 40 und die Landwirtschaft 21 Prozent Reduktion erreicht hat. Nur der Verkehr produziert zwei Prozent mehr Abgase als vor einem Vierteljahrhundert. Dies sind nur 30 Prozent Emissionsminderung.

Als Gründe nennen Experten: Die schwarz-rote Bundesregierung hat den Ausbau erneuerbarer Energieanlagen erschwert, hält an der Kohleverstromung fest, konnte sich nicht auf neue Auflagen für die energetische Sanierung der Gebäude samt Förderung verständigen, bremst bei schärferen Vorschriften für den Spritverbrauch der Kraftfahrzeuge und treibt den Umstieg auf Elektrofahrzeuge und die dazu notwendige Infrastruktur nur zögerlich voran. Ob ein Jamaika-Bündnis in der Lage ist, das Ruder kurzfristig herumzureißen, bleibt fraglich.

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04.11.2017, 06:00 Uhr
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