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Verrückt wie ein Hutmacher

Vor 150 Jahren ist Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" erschienen

Traumhafte Geschichten, skurrile Figuren und fantasievolle Wortmalereien - sie machen "Alice im Wunderland" zu einem Klassiker der Kinderbuchliteratur. Vor 150 Jahren trat das Buch seinen Siegeszug an.

01.07.2015
  • BIRGITTA NEGEL-TÄUBER, KNA

Bonn Die Entstehungsgeschichte ist legendär: An einem schönen Julitag des Jahres 1862 unternahm eine kleine Gruppe eine Bootspartie auf der Themse. An den Rudern saß Pfarrer Robinson Duckworth; im Boot der damals 30-jährige Mathematik-Dozent Charles Lutwidge Dodgson und drei Töchter der Familie Liddell, die Dodgson mit selbst verfassten Geschichten unterhielt. Die Kinder waren begeistert - so witzig und fantasievoll erzählte sonst niemand. Die Geschichten, Rätsel und Gedichte, die er für sie erfand, schrieb er auf Drängen der zehnjährigen Alice Liddell auf. Vor 150 Jahren, am 4. Juli 1865, veröffentlichte er "Alice im Wunderland" unter seinem Pseudonym Lewis Carroll.

Alice war sein erklärter Liebling, ein handschriftliches Exemplar seines Buches schenkte ihr Carroll 1864 zu Weihnachten. Die Familie Liddell hatte zu diesem Zeitpunkt den Kontakt zu ihm schon abgebrochen. Es habe "Gerede" gegeben, so die Begründung. In der Folge untersuchten Generationen von Literaturwissenschaftlern und Psychoanalytikern die Hinweise auf seine möglichen pädophilen Neigungen. Tatsächlich hatte Carroll eine Vorliebe für sehr junge Mädchen.

Er war das dritte von elf Pfarrerskindern und unterhielt schon seine jüngeren Geschwister mit selbstverfassten Reimen und Geschichten. Dabei hatte er eine besondere Vorliebe für Nonsens aller Art. Sein skurril-fantastischer, zuweilen sarkastischer Humor und seine Begabung für Wortspielereien faszinierten seine Zuhörer. Auch sein Pseudonym bildete er aus seinem eigenen Namen: Lewis leitet sich von "Ludovicus" ab, der latinisierten Version von "Lutwidge", Carroll basiert auf "Carolus" (Charles).

"Alice im Wunderland" und der Nachfolgeband "Alice hinter den Spiegeln" werden meist als Einheit gesehen und entwickelten sich zu Klassikern der Kinderliteratur. Der Erfolg beruht neben den skurrilen Figuren auf der traumhaft-fantastischen Handlung: Alice fällt in ein Kaninchenloch und gerät, nachdem sie abwechselnd schrumpft und wächst, in eine Parklandschaft, in der ihr nacheinander ein weißes Kaninchen, eine Suppen-Schildkröte, ein Hutmacher und eine Gesellschaft von Spielkarten-Figuren begegnen. Die leben nach Regeln, die Alice nicht durchschaut; echte Kommunikation kommt nicht zustande.

Das vernünftige, mit Schulbildung vollgestopfte Mädchen muss erfahren, dass ihr Wissen und ihre Konventionen in dieser Welt nichts gelten; dass Logik und Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind. Assoziativ geschrieben, wird die lockere Episoden-Struktur durch die Rahmenhandlung zusammengehalten - Alice hat alles geträumt. Für Übersetzer sind die Romane eine Herausforderung: Carrolls Lautmalereien, Assoziationen und Kofferworte, die in keinem Wörterbuch stehen, können nur nachempfunden werden.

Der Einfluss der "Alice"-Romane auf die westliche Kultur insgesamt ist groß; neben der King-James-Bibel und Shakespeares Werken seien sie die meistzitierten Werke in englischer Sprache, meinte der Lyriker W. H. Auden. Die schillernde Figur des Autors trug ebenso dazu bei wie sein Spiel mit Logik und Realität des Traumes.

Naturwissenschaftler, Psychoanalytiker, surreale Maler, Schriftsteller und Musiker fanden darin zahlreiche Anknüpfungspunkte. Bereits 1886 wurde "Alice im Wunderland" für die Bühne adaptiert.

Zahlreiche Verfilmungen sorgen bis heute für die Verankerung des Kinderbuchs im kulturellen Gedächtnis. In der jüngsten, außerordentlich erfolgreichen Hollywood-Verfilmung von 2010 spielten Stars wie Johnny Depp mit.

Carroll wurde durch sein schriftstellerisches Werk bekannt und wohlhabend. Seine Tätigkeit als Tutor am Christ College in Oxford dagegen war für ihn unbefriedigend. Jahrelang litt er unter Depressionen. Der schüchterne Wissenschaftler wurde nach dem frühen Tod seiner Eltern als ältester Sohn zum Familienoberhaupt und sorgte fortan für seine unverheirateten Schwestern. Im Kreis seiner Geschwister starb er im Jahr 1898 im Alter von 65 Jahren.

Vor 150 Jahren ist Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" erschienen
"Alice im Wunderland" - hier in der populären Disney-Version aus dem Jahr 1951. Foto: Imago

Vor 150 Jahren ist Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" erschienen
Autor Lewis Carroll, 1863. Foto: Oscar Gustave Rejlander/Wiki Commons

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01.07.2015, 12:00 Uhr
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