Kommentar Fall Kevin Spacey

Von wegen Moral

Von MAGDI ABOUL KHEIR

Die Enthüllungen über sexuelle Übergriffe, die die Karriere von Hollywood-Star Kevin Spacey jetzt mit ziemlicher Gewissheit beenden, sind unappetitlich. Zumal sein Umgang mit den Anschuldigungen besonders unrühmlich war. Dass er aus der Erfolgsserie „House of Cards“ rausgeschmissen wird, dürfte niemanden überrascht haben. Dass der zweifache Oscar-Preisträger wenige Wochen vor Kinostart zudem aus dem Film „Alles Geld der Welt“ herausgeschnitten und durch einen anderen Akteur ersetzt wird, ist bemerkenswert – aber nicht erstaunlich.

Ulm. Denn mit Spacey wäre der Film an der Kasse gefloppt. Auch im Oscar-Rennen wäre er von Beginn an chancenlos gewesen. Regisseur Ridley Scott und die Produzenten handeln also wohl nicht nur aus moralischen Erwägungen, sondern denken schlichtweg auch an Geld und Renommee. Das überrascht in Hollywood nicht.

Psychologisch ist der Vorgang allerdings zwiespältig zu sehen. Denn gehandelt wird nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Man kennt das aus Diktaturen, wenn unliebsame Menschen aus Fotos retuschiert, aus Geschichtsbüchern entfernt werden. Spacey hat aber nun mal einige grandiose Filme gemacht („American Beauty“), und die kann man sich zum Glück auch weiterhin ansehen.

Kevin Spacey, Harvey Weinstein und die anderen Sünder werden nun aus dem Scheinwerferlicht verbannt, als ob sich das Filmgeschäft dadurch reinigen wird. Doch nur weil man Täter entfernt, verschwinden noch nicht solche Taten. Etwas ändern wird sich nur durch eine echte selbstkritische Auseinandersetzung der Gesellschaft über ihre Macht-Mechanismen.


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10.11.2017 - 06:00 Uhr