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"Bin ich jetzt Künstler?"

Von der Zeitung ins Museum: Der aus Freiburg stammende Cartoonist Peter Gaymann

Peter Gaymann hat es geschafft: 70 Comic-Bücher, viele davon vergriffen, dazu alle zwei Wochen ein Cartoon in einer großen Frauenzeitschrift. Jetzt stellt er sogar im Kunstmuseum aus. Dort trafen wir ihn.

28.08.2015
  • von CLAUDIA REICHERTER

Freiburg Cartoonist Peter Gaymann hat zum 65.Geburtstag sein Kölner Atelier leergeräumt und die Einrichtung nach Freiburg geschafft. Dort eröffnete am Tag danach die erste Ausstellung seiner Arbeiten in einem Kunstmuseum: "Kunst kommt von kaufen". Weil die Schau in dem vor 30 Jahren eröffneten Museum für Neue Kunst vielfältig und originell ist, treibt sich der Mann mit der Baskenmütze dort selbst gern herum.

Zur langen Museumsnacht Ende Juli hat Gaymann etliche Termine: Er besichtigt mit Kuratorin Isabel Herda die sechs gemeinsam konzipierten Räume samt Fake-Shop, "Kunst am Meter", Cartoonwerkstatt und 99 an die Wand zu beamenden Comics. Danach geht es zum Büchersignieren in den Innenhof. Er benutzt dazu einen Stift, der "nicht so lichtecht ist, aber dafür gut läuft", damit die Hand nicht schwer wird. Denn zu jeder Widmung zeichnet er individuell passende Hühner. Für Iris eins mit Blume, fürs Hochzeitspaar Max und Sandra sogar zwei. Mit rotem Herz.

Später zeigt der Autodidakt live open air vor einer sich dicht drängenden Fanschar auf großen Flipchart-Bögen, wie er arbeitet. Und stellt sich Fragen von Kuratorin Herda und Kunstprofessor Michael Klant. Tags drauf führt er um die Mittagszeit Freunde und deren Gäste durch seine Ausstellung. Dazwischen nimmt er sich Zeit für ein Interview in seinem ausgelagerten Atelier. Das Original in Köln wurde zunächst frisch gestrichen. Nun richtet er es neu ein.

War Ihr 65. ein Tag, an dem Sie voraus- oder zurückblickten?

PETER GAYMANN: 65 ist ja herkömmlicherweise verbunden mit dem Schritt ins sogenannte Rentenalter, was jetzt einen Künstler zum Glück nicht so interessiert, aber da wirft man schon einen Blick zurück und nach vorn: Was kommt noch? Was kannst du überhaupt noch machen, wieviele Jahre hast du noch? Da war schon Rückblick, aber die Ausstellung und das ganze Fest hier sind eher zukunftsorientiert. Es ist keine Retrospektive, sondern eine thematische Ausstellung, die so ein bisschen meine anderen Seiten zeigt. Normalerweise sagen die Leute "Gaymann und Huhn - fertig", aber dass ich auch etwas konzeptioneller denke, dass ich Objekte habe, dass ich Collagen mache und Reisezeichnungen, wird vielerorts gar nicht wahrgenommen.

Zum 60. Geburtstag sagten Sie, es sei Ihr Traum, auch mal was Ernstes zu machen. Erfüllen Sie sich den mit dieser Schau?

GAYMANN: Die Frage, die sich hier stellte, ist: Werde ich jetzt dadurch, dass ich ins Museum komme, zum Künstler? In Deutschland kommt man nicht so ohne Weiteres als Zeichner ins Museum. Das eine sind Cartoons, das andere ist Kunst. Da wird immer noch sehr stark getrennt. Auch viele Galerien zeigen keine Comics. Das ist etwas besser geworden, aber ich kann mich an Zeiten erinnern, als ich in Galerien gezeigt wurde und die Leute haben zu dem Galeristen gesagt, "musst du jetzt schon so'n Scheiß ausstellen?". . .

Deutet der fingierte Museums-Shop in der Ausstellung darauf hin, dass Sie als Zeichner immer noch in der Gebrauchskunstsparte stecken?

GAYMANN: Cartoonisten erstellen erstmal Auftragsarbeiten, für Medien oder Verlage. Ich bin nicht drauf angewiesen, dass meine Bilder als Originale gezeigt werden, hab' Veröffentlichungen zum Teil in riesigen Auflagen. Interessant ist, dass ich mir in dem Moment, wo ich mich wie im Buch "Reif fürs Museum" mit dem Thema Kunst auseinandersetzte, fast schon selbst den roten Teppich ausgerollt habe: Wenn du Lehrercartoons zeichnest, landest du im Lehrerkalender, wenn du Ärztecartoons zeichnest, kannst du in Arztpraxen ausstellen. Hätte mich das Museum auch genommen ohne das? Weiß ich nicht.

Warum zogen Sie Mitte der 80er Jahre von Freiburg weg?

GAYMANN: Als ich gerade langsam meine ersten Erfolge hatte, bin ich für fünf Jahre nach Italien gegangen. Das war ein großer Schritt, denn ich hatte da schon eine junge Familie. Da war der Wunsch, mal aus diesem Nest rauszukommen, zu Verbindungen und Vernetzungen auf studentischer Ebene Abstand zu bekommen, und dazu als Fan von Cinecittà ein Sich-hingezogen-fühlen zu Italien, zu Rom vor allem.

Ist es egal, wo Sie arbeiten?

GAYMANN: Heute schon. Damals war das noch schwieriger, denn da gab es zum Teil ja noch nicht mal Fax oder so. Ich musste jedes Original mit der Post von Rom nach Deutschland schicken.

Sind Sie froh, dass Ihre Frau Ihnen immer wieder Probleme liefert als Stoff für Ihre "Paar Probleme"?

GAYMANN: Es ist einfach das große Thema Paarsein: Beziehungen, Junge, Alte, Kinder. Man schöpft aus dem, was man hat, kennt oder mal gehört hat. Ich hab' nicht alles selbst erlebt. So viele Probleme kann einer ja gar nicht aushalten.

Was haben Sie gegen Knäckebrot?

GAYMANN: Wegen des Zitats "Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot"? Beim Kulinarischen kommen immer zwei Dinge zusammen: die Lust am Essen und die Angst vorm Dickwerden. Dieses Spannungsfeld ist auch ein Thema für Cartoonzeichner. Da kam halt dieser Text einfach mal so, das kann man nicht erklären. Aber ich hab eigentlich nichts gegen Knäckebrot, so wie ich auch nichts gegen Vegetarier habe, aber trotzdem mal'n Vegetarierwitz machen muss. Wenn man heutzutage aneckt, ist das meist gar nicht die große politische Nummer, sondern wenn man was gegen Vegetarier sagt.

Wie gehen Sie mit Drohungen und Gewalt gegen Kollegen um?

GAYMANN: Natürlich reagiert man auf solche Sachen ganz stark. Das Attentat auf die Charlie-Hebdo-Zeichner hat mich schon sehr traurig gemacht und auch fast ein bisschen hilflos. Es ging mir früher schon mal so, als Tschernobyl in die Luft gegangen ist, wo ich dachte, was willste denn als Karikaturist noch übertreiben? Die Wirklichkeit ist ja immer noch brutaler, oder?

Der Titel der Ausstellung spielt auf den explodierenden Kunstmarkt an. Wie stehen Sie dazu?

GAYMANN: Ich hab das immer verfolgt, und es hat mich zum Teil immer mehr geärgert, verunsichert, oder einfach gelangweilt. Dass man Kunst wie eine Aktie betreibt; dass Kunst heute tatsächlich nicht mehr von können kommt. Du kannst das ja alles als Konzept verkaufen. Kann wirklich jeder sagen, ich stell' mein Wasserglas ins Museum und das ist jetzt Kunst? Da denkt man halt so bissel drüber nach. Wie bestimmte große Galerien Künstler hypen, warum ein Gerhard Richter, den ich persönlich für überbewertet halte, Millionen kriegt für ein Bild, und andere, super Künstler, die ich kenne, froh sind, wenn sie mal 2000 oder 3000 Euro im Jahr verdienen? Das sind schon Dinge, wo ich mich manchmal schön aufregen kann (lacht). Derweil: Kunst ist ja auch eine große Spielwiese und jeder darf da frei arbeiten und machen.

So gern er in seiner alten Heimat Fans und einstigen Weggefährten begegnet, am Nachmittag nach der Museumsnacht ist Gaymann froh, als er sich in der Nähe des Museums in einen lauschigen Biergarten setzen kann. Er bestellt einen Wurstsalat und alkoholfreies Bier. Dann geht es zurück nach Köln - und von dort bald in Urlaub nach Umbrien.

Von der Zeitung ins Museum: Der aus Freiburg stammende Cartoonist Peter Gaymann
Peter Gaymann führt eine Gruppe durch das Freiburger Museum für Neue Kunst, das derzeit seine Ausstellung "Kunst kommt von kaufen" zeigt. Im Raum mit Originalzeichnungen zu seinem Buch "Reif fürs Museum" und zur Tapete arrangierten Postern erklärt er, wie seine Cartoons entstehen. Fotos: Claudia Reicherter

Von der Zeitung ins Museum: Der aus Freiburg stammende Cartoonist Peter Gaymann
So kennen wir ihn kaum: Peter Gaymann übermalt auch gern mal Kunstpostkarten.

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28.08.2015, 12:00 Uhr
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