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Vom Feld direkt an die Haustür
Auch Dirk Agena aus Mauer (Rhein-Neckar-Kreis) vertreibt seine Produkte selbst. In der Bio-Kiste kommen sie zum Kunden. Foto: dpa
Landwirtschaft

Vom Feld direkt an die Haustür

Der Onlineverkauf bietet für Bauern neue Absatzmöglichkeiten. Dafür müssen sie aber auch Kooperationen in Kauf nehmen, sagen Berater.

06.06.2017
  • DAVID NAU

Ulm. Wie eine Landwirtin sieht Tabea Sanzio nicht aus. Eher wie eine Marketingexpertin. Die 27-Jährige trägt Jeans, einen Nietengürtel und knall-orange Sneaker. Und dennoch sagt sie: „Ich bin mit der Landwirtschaft groß geworden.“ Seit einigen Jahren leitet sie gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrer Schwester den Biolandhof „Laiseacker“ in Nussdorf bei Vaihingen an der Enz. 1987 hatten ihre Eltern den Hof übernommen und auf die Bewirtschaftung nach der Bioland-Richtlinie umgestellt. Schon früh erkannten sie die Chancen des Internets und richteten bereits 1995 eine erste Website für ihren Hof ein.

Heute gilt Laiseacker als der Vorzeigebetrieb in der Region Stuttgart, was die Nutzung der digitalen Möglichkeiten angeht. Mit der sogenannten „Bio-Kiste“ hat sich der Biolandbetrieb in der ganzen Region einen Namen gemacht. Denn die Eltern von Tabea Sanzio begriffen nicht nur früh die Möglichkeiten des Internets, sondern auch die Wünsche der Kunden. „Die Leute wollen keine schweren Taschen vom Markt nach Hause schleppen“, sagt Sanzio. Deswegen liefert Laiseacker seinen Kunden seit den 1990er-Jahren Karotten, Kartoffeln und Co direkt nach Hause. Das Prinzip ist einfach: Bestellt wird per Onlineshop oder Telefon, bezahlt per Bankeinzug. Einmal pro Woche kommt dann der Transporter und bringt das Obst und Gemüse in einer Mehrwegkiste direkt nach Hause. Ab einem Bestellwert von 18 EUR sogar kostenlos, darunter für 1,50 EUR.

Das Konzept kommt gut an, 3200 Haushalte und Firmen in einem Bereich von Pforzheim über Ludwigsburg, Esslingen, Herrenberg und Tübingen beliefert der Betrieb pro Woche, zehn Transporter sind teilweise im Zwei-Schicht-Betrieb unterwegs. Der einstige Bauernhof hat sich inzwischen zu einem mittelständischen Unternehmen gewandelt, 75 Mitarbeiter beschäftigt Laiseacker, die meisten in Teilzeitmodellen. Auf 20 Hektar Fläche baut der Biolandhof eigenes Gemüse an, die restlichen Produkte des Onlineshops liefern Landwirte aus der näheren Umgebung zu. Die Investitionen in den Onlineshop und in die Lieferwagenflotte haben sich aber nicht nur für die Verbraucher gelohnt.

„Weil es bequemer ist“

„Durch die Vorbestellungen brauchen wir keine Lagerhaltung mehr“, erklärt Tabea Sanzio. Außerdem entstehe durch die Auslieferung in der Mehrwegkiste kein Verpackungsmüll. Und die Schadstoffe, die bei der Lieferung vom Transporter ausgestoßen werden? Die seien durch geschickte Planung der einzelnen Touren geringer, als wenn jeder Verbraucher selbst zum Supermarkt fahre. „Im Schnitt haben wir pro Kunde nur 900 Meter Anfahrtsweg“, sagt Sanzio.

Susanne Kaufmann ist überzeugt, dass die Onlinevermarktung regionaler Lebensmittel für die Erzeuger in Baden-Württemberg immer wichtiger wird. Die Marketing- und Vertriebsberaterin aus der Nähe von Lörrach meint: „Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden.“ In Zukunft werde der Trend zum Kauf von Lebensmitteln im Netz weiter anhalten, „weil es bequemer ist“. Das berge Chancen, vor allem für kleinere landwirtschaftliche Betriebe. Sie können ihre Produkte im Netz direkt an den Endverbraucher verkaufen – ohne einen Zwischenhändler.

Allerdings müssten die Hofbesitzer auch Kompromisse eingehen und Kooperationen in Betracht ziehen. Dadurch ließen sich etwa Kosten für IT oder Werbung deutlich senken. „Es darf nicht mehr heißen: Mit dem rede ich nicht, das ist ein Konkurrent.“

An einer IT-Lösung zum Verkauf von regionalen Lebensmitteln im Internet arbeitet das Start-up „Fund your Farmer“, auf deutsch: „Unterstütze deinen Bauern“, aus dem Landkreis Neu-Ulm. Gemeinsam tüfteln die Studenten Julian Weritz und Marvin Arnold an einer Plattform, auf der Landwirte ihre Produkte möglichen Käufern anbieten können. „Wir bieten den Landwirten die Infrastruktur“, sagt Weritz.

Der Vorteil für die Landwirte: Sie müssen sich nicht selbst um eine technische Lösung für den Verkauf ihrer Produkte kümmern. Sie legen sich einfach ein Profil auf der Plattform der Studenten an und können mit dem Verkauf beginnen. Noch in diesem Sommer soll die Seite online gehen, zunächst in einigen Testregionen. Langfristig möchten die Gründer aber ganz Süddeutschland abdecken. Die Idee kommt bereits vor dem Start gut an: Im Februar gewannen die Gründer beim Regionalwettbewerb des „Elevator Pitch“ in Ulm den ersten Platz, im Juli präsentieren sie ihre Idee beim Landeswettbewerb.

An zentralem Ort abholen

Langfristig wollen Weritz und Arnold über ihre Plattform nicht nur den Verkauf, sondern auch die Lieferung der regionalen Produkte abwickeln. Denn bislang müssen Kunden ihre im Netz gekaufte Ware noch oft beim Landwirt selbst abholen. Da dessen Hof aber oft außerhalb der Stadt liegt, planen die Gründer ein „Click-and-Collect-System“: Der Kunde kauft im Netz und holt seine Ware an einem zentralen Ort ab. „So sparen wir uns die Lieferung nach Hause und der Kunde spart sich den Weg zum Hof“, sagt Weritz.

Für Christine Binder ist das Portal der Studenten eine gute Lösung. Die Ökonomin leitet das beim Landfrauenverband angesiedelte „Netzwerk Einkommen schaffende Dienstleistungen“ (Nesd), mit dem das Land Baden-Württemberg gemeinsam mit der Europäischen Union Frauen im ländlichen Raum unterstützen will, unter anderem Bäuerinnen bei der Vermarktung ihrer Produkte. „Einzellösungen sind für die breite Masse der Erzeugerinnen unheimlich schwierig“, sagt Binder. Zu teuer und zu aufwändig sei es, einen eigenen Onlineshop aufzubauen und zu betreiben. Sie empfiehlt deswegen, auf bestehende Angebote zurückzugreifen und sich zusammenzuschließen. „Grundsätzlich ist der Wille zur Kooperation noch sehr verhalten“, sagt Binder. Wenn die Bäuerinnen jedoch bemerkten, wie viel Aufwand hinter Onlineshops stecke, wachse die Bereitschaft.

In Esslingen trafen sich jüngst Landwirtinnen, um mehr über digitale Vermarktungsstrategien zu erfahren. Darunter auch Birgit Mäckle aus Blaustein-Markbronn im Alb-Donau-Kreis. Sie betreibt eine Hofmolkerei und verkauft wöchtenlich mehrere tausend Liter Milch und rund 5000 Becher Joghurt aus eigener Herstellung. Auch im Internet, die Produkte liefert die Molkerei dann nach Hause. „Wir merken, dass der Onlineabsatz immer stärker zunimmt“, sagt Mäckle. Für sie ist das eine gute Entwicklung: „So haben wir einen direkteren Kontakt zu unserem Endverbraucher.“ Was die technische Umsetzung angeht, hatte Birgit Mäckle Glück: Ihr Sohn baute den Onlineshop der Hofmolkerei auf und passte ihn an die Bedürfnisse des Betriebs an.

So viel Glück haben nicht alle Teilnehmerinnen der Veranstaltung in Esslingen. Christine Binder will deswegen langfristig ein regionales Pilotprojekt starten: Mehrere Landwirte sollen sich zusammenschließen und ihre Produkte in einem gemeinsamen Onlineshop anbieten.

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06.06.2017, 06:00 Uhr
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