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Atommüll

Vier Castor-Touren folgen

Trotz mehrerer Störaktionen erreicht der Transport mit den Brennelementen aus Obrigheim planmäßig bei Tageslicht Neckarwestheim.

29.06.2017
  • HANS GEORG FRANK

Obrigheim. Für die Überführung der Brennelemente aus Obrigheim nach Neckarwestheim auf dem Wasserweg möchte Franz Untersteller nicht verantwortlich sein. Aber der Umweltminister, dem auch die Atomaufsicht untersteht, weist an der Schleuse Kochendorf doch mit Nachdruck darauf hin, dass er die Idee mit dem Verzicht auf ein Zwischenlager in Obrigheim hatte. Zum Beweis zauberte er die Landtagsdrucksache 14/501 vom 25. Oktober 2006 herbei. Zwar empfahl er, damals noch Abgeordneter, den Atommüll nach Philippsburg zu bringen. Aber wichtig sei doch, dass es ein Nukleardepot weniger im Land gebe.

Eine Gefahr schloss der Grüne aus: „Beim Transport der Castoren wurden keinerlei unverantwortliche Risiken eingegangen.“ Die Landesanstalt für Messungen und Naturschutz prüfte permanent den radioaktiven Effekt. Erst zwei Stellen hinter dem Komma war eine Veränderung festzustellen. „Das ist de facto nix“, erklärte Untersteller. Deshalb hat er auch keine Bedenken, dass weitere vier Touren mit zwölf Castoren nötig sind. Die ENBW hat dafür Zeit bis zum 13. November 2018. Mit der Premiere zeigten sich ENBW und Polizei zufrieden. Das Ziel war gegen 19 Uhr erreicht, planmäßig bei Tageslicht.

Deutschlands meist beachteter Schiffsverbund hatte gestern um 6.06 Uhr die Anlegestelle in Obrigheim verlassen. In der Nacht waren die drei Castoren mit je 15 Brennelementen an Bord gebracht worden. Zunächst sorgte der Start für Irritationen. Die Castoren verließen Obrigheim in Richtung Heidelberg, weil vier Kilometer flussabwärts der Neckar breit genug ist, den 81,39 Meter langen Leichter „Lastdrager 40“ gefahrlos in die Richtung nach Heilbronn zu drehen. Dieses Wendemanöver dauerte fast anderthalb Stunden.

Die Polizei war mit mehreren Hundertschaften im Wasser, auf Straßen, Wegen und in der Luft präsent – und mit so vielen Vehikeln, als ob sie ihren Fuhrpark zur Schau stellen wollte. Auch Pferde, Hunde und Taucher waren im Einsatz. Auf der 50 Kilometer langen Bundeswasserstraße kam der Konvoi denn auch gut voran. Bei Bad Wimpfen jedoch hielten vier Aktivisten von Robin Wood die brisante Fracht fast zwei Stunden lang auf. Trotz massiver Polizeipräsenz konnte das Quartett unbemerkt auf eine Brücke steigen und sich abseilen. Solange die Kletterer über dem Wasser hingen, durfte das Spezialschiff nicht passieren. Experten der Polizei holten zwei Personen herunter, ihre Partner konnten ausharren, da sie sich außerhalb der Fahrrinne befanden. Auch in HeilbronnHorkheim „pflückten“ schwindelfreie Polizisten zwei Demonstranten von einer Brücke. Ihr Protest führte zu keiner Verzögerung. Gedulden mussten sich Autofahrer, wenn Straßen über Schleusen eine halbe Stunde lang voll gesperrt wurden.

Eine herbe Enttäuschung erlebte Helga Eichinger nach der 469 Kilometer langen Anreise aus Pattensen bei Hannover. In Heilbronn hatte sie sich einer Demonstration gegen die Castor-Fuhren angeschlossen. „Ich möchte den Atomausstieg vorantreiben“, begründete sie den Ausflug in den Süden. Dem Aufruf der Initiative „Neckar castorfrei“ folgten nur 55 Gleichgesinnte, die bei ihrem Protestzug von fast gleich vielen Polizisten begleitet wurden. „Das ist ein bisschen mager“, bedauerte die 70-Jährige, „da bin ich aus dem Wendland etwas ganz anderes gewohnt.“

Dabei hätten nach Ansicht von Ines Franzke wegen eines „Skandals“ viel mehr besorgte Bürger auf die Straße gehen müssen. Denn in Neckarwestheim entstehe „ein Endlager auf unsicherem Untergrund“, befürchtet die 57-jährige aus dem Nachbarort Kirchheim. Dass der atomare Abfall, wie versprochen, dort je weggeschafft werden könnte, glaubt sie nicht.

„Atommüll verschieben ist keine Lösung“, betonte Gottfried May-Stürmer vom BUND. Es gehe auch nicht an, „dass man hochradioaktives Material auf dem gefährlichsten Weg durch eine Großstadt befördert“. Die Gegner des Nukleartransfers per Schiff befürchten bei einem Unfall eine Verstrahlung des Neckartals.

Strahlenfracht auf Schiffen

Der Neckar wurde erstmals für den Transport von Atommüll genutzt. Radioaktive Frachten auf Schiffen sind aber üblich. Zwischen der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield und norddeutschen Nuklearkomplexen existiert eine Art Linienverkehr über die Nordsee. Auch auf der Ostsee verkehren Frachter mit strahlender Ladung, etwa mit Urandioxid aus St. Petersburg. Von Rostock aus sollen Brennelemente in Passagierfähren nach Schweden geschafft worden sein, listet der Blog „Atomkraftwerkeplag“ auf. Die Polizei in Hamburg soll 500 Atomtransporte 2013 kontrolliert haben, dabei seien 13 Mängel festgestellt worden – zumeist an der Sicherung. Um den halben Erdball waren schon Frachter unterwegs, die plutoniumhaltiges Material aus Frankreich in Japan ablieferten.

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29.06.2017, 06:00 Uhr
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