Soziales

Viele Fragen an die Kandidaten

Von Claudia Jochen

Der Freundeskreis Mensch bereitet sich auf die Bundestagswahl vor.

Viele Fragen an die Kandidaten

„Auch im Kleinen entsteht Politik“: Werkstatt-Rätin Veronika Schaible beim Workshop.Bild: Jochen

Christian Nolte vom Integrationsunternehmen „Campus Mensch“ beginnt mit folgenden Worten: „Sie haben eine Stimme, also...“ – „Nein, zwei!“, wird er gleich unterbrochen: „Die Erst- und Zweitstimme“, ruft jemand aus der Workshoprunde dazwischen. Nolte und seine Kollegin Heidrun Loth treffen auf informierte Mitbürger beim Freundeskreis Mensch: Jede Frage trifft sofort auf einen weiteren Diskussionspunkt. Am kommenden Montag werden sich Bundestagskandidaten im Tübinger Landratsamt den Fragen von Menschen mit Behinderung in einer Podiumsdiskussion stellen. Als Vorbereitung darauf erarbeiten wahlberechtigte Werkstatt-Mitarbeiter „Freundeskreis Mensch“ in einem Workshop fragen.

Die beiden Dozenten sind beeindruckt vom Wissen der politisch interessierten Teilnehmer. „Auch im Kleinen entsteht Politik“, kommentiert Werkstatt-Rätin Veronika Schaible das gesellschaftliche Interesse ihrer Kollegen an der Bundestagswahl und an demokratischen Prozessen im Allgemeinen. Wichtige Begriffe wie Demokratie und Diktatur werden diskutiert. Am Ende ist ein beachtlichen Fragenkatalog zusammengekommen.

Aber auch untereinander diskutieren die Werkstattmitarbeiter: Warum rufen die AfD-Anhänger alle, Merkel solle abhauen? Und warum darf das Volk nicht entscheiden, was gut für es ist? Ja, weshalb eigentlich gibt es für alles Interessenvertreter und warum keine Volksentscheide nach Schweizer Vorbild?

Ein Teilnehmer möchte von den Politikern auch folgendes wissen: „Warum werden weniger bezahlbare Wohnungen für Menschen mit Behinderung gebaut als für Asylbewerber?“ Werkstatt-Rätin Veronika Schaible interessiert sich mehr für die Politik außerhalb Deutschlands: „Was haben Sie vor, als nächstes in der UN-Konvention umzusetzen?“ Und auch das sollen sie beantworten: „Schämen Sie sich eigentlich nicht, das Wort ‚Inklusion‘ in den Mund zu nehmen, solange Menschen mit Behinderung bis kurz vor der Geburt abgetrieben werden dürfen?“ Auch die Situation ihrer Betreuer interessiert die Workshop-Teilnehmer: „Warum sind betreuende Mitarbeiter immer unterbesetzt?“ Manche Betreuer hätten 36-Stunden-Schichten, erklärt Tobias Kieninger, eine Betreuerin sei neulich sogar schon einmal vor Erschöpfung beim Fußballspiel ohnmächtig geworden. „Die machen das wegen uns. Und nicht wegen der Entlohnung“, ruft Ivo Lindemann und erntet Zustimmung.

„Das sind absolut klare und eindeutige Fragen, da kann kein Politiker herumlavieren“, fassen Nolte und Loth zusammen. Beim Freundeskreis Mensch weiß jeder um die Macht seiner Stimme und auch wenn einige Mitarbeiter noch unsicher sind, wählen gehen sie alle. Ein Workshop-Teilnehmer rät seinem Nebensitzer: „Du hast keine Wahl – also nutze sie.“


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16.09.2017 - 01:00 Uhr