Victoria & Abdul

Victoria & Abdul

Von Dorothee Hermann

Historisches Drama über die Freundschaft der englischen Königin Victoria mit einem indischen Bediensteten.

Victoria & Abdul

Sie lebt zwischen buschigen Schnurrbärten und steifen Damen, und jeder Tag ist vollgestopft mit Dekorum. So sterbenslangweilig sieht es aus, das Dasein der mächtigsten Frau des 19. Jahrhunderts, wie es der britische Regisseur Stephen Frears („The Queen“, „Mein wunderbarer Waschsalon“) mit leiser Ironie wieder aufleben lässt. Es ist ein Leben, das sich am ehesten in Ruheposition, leise schnarchend, ertragen lässt.

In die luxuriös-royale Resignation bringen ausgerechnet zwei Inder etwas Farbe. Zum 50-jährigen Kronjubiläum der Königin von England und Kaiserin von Indien sollen sie der Monarchin (sie hat den Subkontinent aus Sicherheitsgründen noch nie betreten) eine Gedenkmünze der legendären Mogulkaiser überreichen.

Vorab werden sie von herablassenden britischen Schnauzbärten in Uniform auf Hof-Etikette getrimmt. Während Gefängnisschreiber Abdul (der indische Filmstar Ali Fazal) sich bereitwillig auf den Auftrag im fernen London einlässt, erwartet sein skeptischer Gefährte Mohammed (Adeel Aktar) nichts Gutes von den britischen Unterdrückern.

In England angekommen, steigt Abdul bald zum Liebling von Queen Victoria auf. Sie lässt sich von ihm von Indien erzählen und sich wissbegierig in Kultur, Poesie und Kalligraphie einführen. Und sie erfährt vom herrlichen Geschmack der Mango: Orange und Pfirsich in einer Frucht.

Thronfolger Bertie (herrlich impertinent: Eddie Izzard) und auch dem sonstigen Hofstaat passt die zunehmende Vertrautheit zwischen Monarchin und Diener gar nicht. Doch auch die Königin und ihr indischer Privatlehrer müssen immer wieder schlucken bei der interkulturellen Annäherung. Der berühmte Kohinoor-Diamant, einst Zierde des Pfauenthrons in Delhi, schmückt nun die Brosche der Königin. Die Monarchin ihrerseits zuckt doch ein bisschen zurück, als sie erfährt, dass Abdul als Moslem genau zu der indischen Bevölkerungsgruppe gehört, die den Aufstand gegen die Engländer angezettelt hat.

Der Film bezieht sich auf wahre Begebenheiten und lehrt einmal mehr, dass es bei manchen Menschen (in diesem Fall: Abdul) eben länger dauert, bis sie es auf die Kinoleinwand schaffen. In gewisser Weise gilt das auch für Judi Denchs Darstellung der Königin, die sehr nahbar ausfällt. Sie sehnt sich nach einem einfachen, ungestörten Leben und hat Angst vor dem Tod.

Nebenbei hält das Ausstattungswunder eine in Brexit-Zeiten beherzigenswerte Erkenntnis für Empire-Nostalgiker parat. Wer in der Welt ganz oben ist, für den gibt es nur eine Richtung: wieder abwärts.

Londons Weltherrschaft als schwelgerisch inszenierte Lachnummer, die Empire-Nostalgiker sanft aufs Glatteis führt.


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27.09.2017 - 11:11 Uhr