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Leitartikel · Waffen USA

Verzerrtes Bild

In dem großartigen Film und US-Sittengemälde „American Beauty“ erzählt einer der Figuren von einer ganz besonderen Art der Entspannung: „Ich fahre zum Schießstand und feure eine Waffe ab.“

05.10.2017
  • GUIDO BOHSEM

Nichts anderes verleihe ein derartiges Machtgefühl. Wahrscheinlich wird die Welt niemals erfahren, was die Motive des 64-jährigen Todesschützen von Las Vegas waren. Der Wunsch nach absoluter Macht dürfte aber eine große Rolle gespielt haben, das grausame Verlangen, sich zum Richter über Leben und Tod anderer Menschen aufzuschwingen.

Wann immer in den Vereinigten Staaten ein neuer Attentäter für ein neues Blutbad sorgt, packt auch uns Europäer ein großes Entsetzen. Denn die Amerikaner sind uns kulturell so nahe wie kaum eine andere Nation. Wir telefonieren mit denselben iPhones, tanzen zur selben Musik, schauen dieselben Filme, essen bei McDonalds, trinken Coca Cola, lesen Stephen King, reden über dieselben Fernsehserien. Für viele Deutsche ist es ein Lebenstraum, einmal nach New York zu fliegen.

Doch diese Vertrautheit täuscht. Sie ist in Wahrheit nur ein Vexierbild, ein flüchtiger Blick auf eine konstruierte Wirklichkeit. Wir sehen Amerika, wie Amerika meint, dass es uns am besten gefällt. Das ist die große Stärke der amerikanischen Kulturindustrie. Sie macht „made in USA“ universell konsumierbar und feiert deshalb in völlig verschiedenen Kulturen Erfolge. Dadurch entsteht eine Scheinnähe, die aber nirgends so ausgeprägt ist wie zwischen den USA und Europa.

Genau diese Scheinnähe lässt die Europäer nach jedem Amoklauf auf ein Neues schockiert, traurig und fassungslos zurück. Fassungslos vor allem, weil es uns unbegreiflich scheint, dass noch immer kein US-Gesetz den privaten Besitz von Waffen untersagt. Mehr schlecht als recht wird das dann immer wieder mit dem unheimlichen Einfluss des NRA erklärt, des amerikanischen Waffenverbandes, der mit seinen üppigen Spenden Politiker zu Waffenlobbyisten macht.

Doch das ist nur eine Facette des Problems, sie reicht als Erklärung nicht aus. Die Amerikaner sind in Sachen Waffen eben keine hilflosen Opfer, sondern vielmehr ganz bei sich. Die Wahrheit ist, dass im Gegensatz zu uns Europäern sehr viele von ihnen auf Knarren stehen und insbesondere auf das mächtig machende Gefühl, eine Waffe abzufeuern. Man kann ohne weiteres den Beweis führen, dass die amerikanische Gesellschaft auf Gewalt gegründet ist, dass Gewalt Bestandteil ihrer DNA ist: der Kampf gegen die Kolonialherren, der Kampf gegen die Indianer, der Bürgerkrieg. Die ersten amerikanischen Siedler waren Opfer einer Unterdrückung, die sie nie wieder erleben wollten.

Solche kulturellen Identifikationsmuster lassen sich nur schwer durchbrechen. Und deshalb wird es in ein paar Wochen auch ein neues Las Vegas geben, neue Opfer, neues Entsetzen und neue Fassungslosigkeit. Bevor Amerika mit sich und seinen Waffen ins Reine kommt, werden noch Jahrzehnte ins Land gehen – und tausende Menschen sterben.

leitartikel@swp.de

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05.10.2017, 06:00 Uhr
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