Musiktheater

Verlorene Seelen vor der Erlösung

Von CHRISTOPH MÜLLER

Debussys und Glass' Schlüsselwerke prallen innerhalb weniger Tage an der Komischen Oper aufeinander.

Berlin. Das passiert ganz selten im normalen Opernbetrieb. Binnen zwölf Tagen feierten Claude Debussys „Pelleas et Melisande“ (1902) und „Satyagraha“ von Philip Glas (1980) am gleichen Haus Premiere, an der Komischen Oper. Also zwei schwierige grenzgängerische Ausnahme-Stücke einer avantgardistischen Moderne.

Debussy, im Konzert eher als feinsinniger Impressionist bekannt, hat mit seinem verrätselten Horror-Schocker alle Schrecken und Verheißungen eines wagnerischen Liebes- und Erlösungtodes zweier verlorener Seelen aufs Allerdüsterste ausgemalt. Todtraurig, symbolbeladen, höchste Kunst.

Der von Erfolg zu Erfolg eilende Hausherr Barrie Kosky, seit seinem Bayreuther Coup mit den „Meistersingern“ auch im Blick der Münchner Oper, inszeniert das abgründig märchenhafte Stück fast wie ein Oratorium: außer einem Blumenzweig keine Requisiten und keine Kulissen, nur vier sich verjüngende Portale mit einem abstrakten Fleckenmuster und Slow-Motion-Laufbändern, auf denen sich die heutig gekleideten Sänger so sparsam wie markant bewegen. Eine konzentrierte Strenge, wie man sie von Kosky nicht gewohnt ist.

Hypnotische Wirkung

Ganz anders die Gandhi-Oper von Philip Glass, Großmeister der Minimal Music, mit der er brav tonal in schier endlos kaum variierter Wiederholung und Dreiklang-Harmonik die Tonleiter rauf und runter klettert. Blechbläser würden da nur stören. Tiefes Cello rauscht am einlullendsten.

Was sich bei Debussy nur andeutet, ist hier voll auskomponiert und tut seine hypnotische Wirkung. Mit spannungslos in sich ruhender Glätte betörend betäubend. Suggestiv sogkräftig. Wellness-Musik, nervenberuhigend in ihrer kompositorischen Schlichtheit, die allerdings vom Orchester und den Sängern das Äußerste an Präzisionseinsatz verlangt. Und die bekommt es vom Dirigenten Jonathan Stockhammer fast perfekt.

Die im Sanskrit-Original gesungene Inszenierung der pazifistischen Gandhi-Oper setzt sich aus einem Gewimmel und Gewusel von Tänzern zusammen. Es ist die muntere Eastman-Company des hochgehandelten flämisch-marokkanischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui, die sich mit den an der Komischen Oper stets bewundernswert spielfreudigen Chorsängern fast ununterscheidbar mischt. Stefan Cifolelli als Gandhi thront zum Schluss im Schneidersitz wie ein Buddha einsam und verlassen auf der Bühne, tief versunken in hinduistische Heilslehren. „Satyagraha“ ist längst überall frenetisch bejubelter Kult, erst jetzt auch in Berlin. Christoph Müller


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03.11.2017 - 06:00 Uhr