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„Verbraucher müssen wissen, wie ein Tier gelebt hat“
Artgerecht gehalten? Viele wollen wissen, was sie auf dem Teller haben. Foto: dpa
Interview · Klaus Müller

„Verbraucher müssen wissen, wie ein Tier gelebt hat“

Die FDP setzt auf informierte Käufer, die Grünen auf Schutz vor Konzernen. Bundesverbandschef Klaus Müller hält eine Einigung für möglich.

03.11.2017
  • MICHAEL GABEL

Berlin. FDP und Grüne haben beim Verbraucherschutz Schnittmengen. Davon ist der Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband, Klaus Müller, überzeugt.

Herr Müller, Sie waren bis 2005 grüner Umweltminister in Schleswig-Holstein. Freuen Sie sich auf Jamaika?

Klaus Müller: Ich glaube, dass die nächste Bundesregierung eine Reihe von schwierigen Aufgaben lösen muss. Für Verbraucher geht es vor allem um Fragen der digitalen Welt, der privaten Altersvorsorge, wie man zum Beipsiel gutes Fleisch erkennt und wie man leicht zu seinem Recht kommt. Wenn Jamaika darauf mutige neue Antworten finden würde, dann würde es mich freuen.

Die Schnittmengen zwischen FDP und Grünen sind beim Verbraucherschutz nicht besonders groß.

Das muss nicht so bleiben. Wenn wir überlegen, was zu einem guten Verbraucherschutz gehört, dann geht es um effiziente Informationen, die den Verbrauchern helfen, aber nicht zwingend neue Kosten für die Unternehmen produzieren. Außerdem geht es darum, dass ich in einem Rechtsstaat meine Bürgerrechte auch tatsächlich wahrnehmen kann und es dafür keine riesigen Hürden gibt. Und wir müssen einen wirklichen Wettbewerb haben, der der Nachfrageseite, den Verbrauchern, auch nützt. Ich finde, das sind alles Themen, bei denen sich eine Jamaika-Koalition auf innovative Instrumente einigen könnte.

Die FDP setzt auf den informierten Verbraucher, die Grünen wollen die Menschen beschützen – etwa vor den großen Konzernen.

Ob Jamaika klappt, wissen wir nicht. Aber in den Sondierungen haben sich Union, FDP und Grüne darauf geeinigt, von einem „differenzierten Verbraucherleitbild“ zu sprechen. Das bedeutet, dass Verbraucher in bestimmten Märkten geschützt werden müssen, damit sie nicht übervorteilt werden. Zum Beispiel, damit ich das Internet so nutzen und so viele von meinen Daten preisgeben kann, wie ich will und nicht wie Konzerne das möchten. Ein anderes Beispiel: Auch bei der privaten Altersvorsorge brauchen wir kosteneffiziente Finanzprodukte. Oder nehmen Sie das Thema Informationen zu Lebensmitteln: Der Verbraucher muss erkennen können, wie ein Tier gelebt hat, bevor es auf seinem Teller landet. Damit Landwirte für gute Produkte mehr Geld bekommen, müssen gute Produkte eben auch gekennzeichnet sein. Deshalb brauchen wir ein staatliches Tierwohllabel. In den bisherigen Sondierungsergebnissen sehe ich für all dies positive Ansätze.

Die Grünen wollen das Label nicht, weil es sich auf die konventionelle Tierhaltung bezieht.

„Verbraucher müssen wissen, wie ein Tier gelebt hat“
Klaus Müller: Wer sich beschwert, zeigt Probleme auf. Foto: © vzbv Gert Baumbach
Der Anteil von Biofleisch am Gesamtaufkommen beträgt weniger als fünf Prozent. Das bedeutet, dass 95 Prozent aus Kosten- oder anderen Gründen konventionell hergestelltes Fleisch essen. Die Verbraucher haben ein Recht darauf zu wissen, wie es dem Tier gegangen ist, ob es artgerecht gehalten wurde. Wenn das Tier etwas mehr Platz und Licht hatte, dann wäre das schon ein Schritt in die richtige Richtung.

Es ist ein schmaler Grat, dem Verbraucher zu helfen, ohne ihn zu bevormunden.

Deshalb haben wir vor der Wahl in einer repräsentativen Befragung erforscht, wo die Verbraucher den größten Handlungsbedarf sehen. Dabei ist das Thema Altersvorsorge weit vorne gelandet. Das ist für die Menschen ein dringendes Problem.

Besteht nicht das grundsätzliche Problem, dass nur diejenigen in die Verbraucherzentralen kommen, die mit einem Produkt unzufrieden sind? Wer kommt in ihre Beratungsstellen und sagt: Da habe ich ein Super-Produkt gekauft?

Einen solchen Verbraucher habe ich in zwölf Jahren Verbraucherschutzarbeit tatsächlich noch nicht erlebt. Das darf doch aber nicht bedeuten, dass diejenigen, die sich bei uns beschweren, nicht gehört werden sollten. Sie sind meist nur die Spitze eines Eisbergs. Sie zeigen Probleme auf, die es real gibt. Und zwar zuhauf.

Die Verbraucherzentralen haben sich schon zur Bildungspolitik geäußert. Gehört das zum Verbraucherschutz?

Eine gute Verbraucherbildung ist notwendig, damit sich Menschen sinnvoll entscheiden können. Wir haben Schüler und Lehrer gefragt, und die große Mehrheit hat gesagt, sie wünsche sich mehr Verbraucherbildung. Es gibt Bundesländer, die schon einiges auf den Weg gebracht haben. Aber der Bund ist bisher nicht in der Lage, sich finanziell zu beteiligen und einheitliche Qualitätsstandards zu setzen. Insofern muss ich eine Lanze brechen für die FDP-Forderung nach einer Abschaffung des Kooperationsverbotes in der Bildungspolitik. Das wäre ein Meilenstein für mehr und bessere Bildung in Deutschland, auch für bessere Verbraucherbildung.

Sollte die Verbraucherbildung eines Tages ein eigenes Unterrichtsfach in den Schulen werden?

Nein, das nicht. Aber ich wünsche mir, dass im Deutschunterricht ein Mietvertrag genauso besprochen und analysiert wird wie ein Gedicht. Und dass im Mathematikunterricht nicht nur der Neigungswinkel von ägyptischen Pyramiden berechnet wird, sondern ebenso die Effektivverzinsung einer privaten Altersvorsorge, die Nebenkosten eines Aktiensparplans oder die Handykosten beim Surfverhalten.

Wäre es sinnvoll, in Zukunft ein eigenes Ministerium für den Verbraucherschutz einzurichten?

Auch das nicht, denn ein eigenes Verbraucherschutzministerium hätte keine Federführung bei verbraucherrelevanten Gesetzen. Mit den Aufgaben, die jetzt anstehen, wäre die bisherige Konstellation aus Justiz und Verbraucherschutz eine gute.

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03.11.2017, 06:00 Uhr
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