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Mehr Verehrer als ein schönes Mädchen

VW-Bulli „Kadu“ hat schon über 250.000 Kilometer auf der Uhr

Wenn der Tübinger Horst Clauss von seinem Bullierzählt, dann spricht er gerne von seiner „Jugendliebe“. Deshalb erschien ihm ein Angebot des Vorbesitzers vor einigen Jahren fast ein wenig unmoralisch.

05.04.2011
  • von Vincent Meissner

Seine Augen leuchten so hell wie die runden Scheinwerfer seines Bullis. Horst Clauss erzählt die Geschichte, wie er im Jahr 1980 seinen rot-weißen VW-Bus aus der Schweiz nach Deutschland brachte. Der eidgenössische Grenzer traute ihm nicht so recht: „Aber dass Sie den nicht als Ersatzteil-Lager verkaufen“, imitiert der 83-Jährige den Beamten mit schweizerischem Akzent. Clauss antwortete nur: „Chef, ich träum’ seit 1957 von diesem Auto.“ Mit diesem Bekenntnis durfte er den Schlagbaum passieren.

VW-Bulli „Kadu“ hat schon über 250.000 Kilometer auf der Uhr
„Ich kann nicht beweisen, dass der Bulli eine Seele hat – aber ich kann so handeln“: Horst Clauss lässt niemanden sonst mit seinem VW-Bus fahren.Bild: Sommer

Es war Zufall, dass sich die Wege von Clauss und seinem Volkswagen T1 überhaupt gekreuzt haben. Gemeinsam mit seiner Partnerin war er im VW-Käfer Cabriolet in den Schweizer Alpen unterwegs. Weil ein Erdrutsch die geplante Route versperrt hatte, kam das Paar durch die kleine Ortschaft Meiringen im Kanton Bern. Und da stand er in einer Einfahrt. Clauss wusste sofort, den Bus musste er haben. Er einigte sich nach einer spontanen Probefahrt rasch mit dem damaligen Besitzer. „Dann haben wir sofort den Urlaub unterbrochen und sind zurückgefahren“, erinnert sich Clauss.

In Tübingen besorgte er sich die 1500 Schweizer Franken, damals 1820 Mark, die der Bus kosten sollte, und fuhr mit dem Motorrad zurück nach Meiringen. Dort lud er das Zweirad in seinen neuen Bulli und machte sich auf den Weg durch die Alpen zurück nach Tübingen.

Seither sind Clauss und sein Bulli gemeinsam über 250 000 Kilometer unterwegs gewesen. Soweit wie in den 1970er Jahren ist der Bus allerdings nicht mehr gekommen. Damals reisten ein paar Bergsteiger in die nepalesische Hauptstadt Katmandu. Der Schriftzug über der Frontscheibe des Bullis zeugt noch immer von dieser Expedition. Und so kam es, dass Clauss seinem Bulli, den er meist in der Brunnenstraße parkt, den Kosenamen „Kadu“ gab.

Die Geschichte von „Kadu“ und „Hotte“, so Clauss’ Spitzname, unter dem er in der Zeitschrift „Bulli-Express“ noch immer ab und zu Artikel veröffentlicht, hat er in seinem Archiv niedergeschrieben. Archiv, so nennt Clauss das kleine Zimmer in seiner Wohnung in der Tübinger Altstadt, in dem er viele Regalmeter Atlanten, Reisebücher und Fahrtenbücher aufbewahrt. „Alles, was ich Ihnen erzähle, können Sie hier nachprüfen“, sagt er und lacht verschmitzt.

Mit viel Liebe fürs Detail pflegt Clauss die Fahrtenbücher. Jeden Ausflug und jede Reise hat er hier notiert. Mal mit einem Foto oder einer Zeichnung illustriert, mal durch einen Landkarten-Ausschnitt ergänzt. Mal mit der Schreibmaschine getippt, mal von Hand geschrieben. Auf einer Seite hat er gar ein Radarfallen-Bild eingeklebt. „Auch das gehört dazu“, sagt Clauss und lacht. Damit alles seine Richtigkeit hat und er möglichst schnell findet, was er sucht, hat Clauss auch einen Übersichts-Katalog angelegt. Wenn der Rentner sich durch die Alben blättert, dann gerät er ins Schwärmen – und lässt sich kaum mehr bremsen. „Wie viel Zeit haben Sie denn mitgebracht?“, fragt er und schmunzelt.

Clauss kam 1928 in Groitzsch, einige Kilometer südlich von Leipzig, auf die Welt. Seit 1950 lebt er in Tübingen. Hier hat er in verschiedenen Volkswagen-Werkstätten gearbeitet. „Ich bin praktisch seit 1957 mit VW verheiratet.“ Damals begann seine Ausbildung zum Kraftfahrzeug-Mechaniker. In Gomaringen besitzt er noch immer eine kleine Auto-Werkstatt. „Aber ich kann nicht mehr so viel schaffen, wegen meiner Arthrose-Schultern.“

Seit gut dreißig Jahren ist Clauss nun mit seinem Bulli unterwegs. Jemand anderen hat er in dieser Zeit nie hinters Steuer gelassen. Der Grund: Clauss hat den Drehzahlregler ausgebaut. Ein Laie würde den Motor innerhalb von wenigen Minuten kaputt fahren – „ohne dass er es merkt.“ sagt er.

450 000 Kilometer hat der Bulli mittlerweile zurückgelegt. Immer wieder buchen Paare Clauss und seinen Bus für Hochzeiten. Vergangenes Jahr feierte der VW-Bus eine Premiere: Als eine Reutlinger Rock-Band ein Musikvideo drehen wollte, engagierte sie kurzerhand den Bulli als Kulisse. „Und der Kadu war sozusagen der technische Mittelpunkt“, sagt Clauss mit sichtlichem Stolz.

Wenn Clauss mit seinem Bus unterwegs ist, wird er häufig von Passanten angesprochen. „Der Bulli hat mehr Verehrer als ein schönes Mädchen“, sagt er. Wie innig das Verhältnis zwischen Fahrer und Gefährt ist, zeigt das kleine Schild, das auf dem Armaturenbrett klebt: „Ich kann nicht beweisen, dass der Bulli eine Seele hat – aber ich kann so handeln.“

Kein Wunder, dass Clauss das in seinen Augen unmoralische Angebot des Vorbesitzers vor Jahren ausschlug. Der wollte den Bus zurückkaufen. „Er hat mir 9000 Schweizer Franken auf den Tisch geblättert.“ Ein Verkauf kam für ihn freilich nicht in Frage. Clauss: „Solange ich fahren darf, bleibe ich meiner Jugendliebe treu.“

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05.04.2011, 12:00 Uhr
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