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Es geht auch ohne Forsythien

Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (6): Die „Bunten Wiesen“ holen das Grün in die Stadt zurück

Eine Tübinger Initiative macht auch macht bundesweit von sich reden: Die „Bunte Wiese. Unser Umwelttipp erklärt den Nutzen

10.09.2015
  • Ricarda Rosemann

Tübingen. Im letzten Jahrhundert haben sich die Städte deutschlandweit mehr und mehr ausgebreitet. Damit wuchs der Anteil der besiedelten und versiegelten Flächen. Zusätzlich wurden mehr Flächen landwirtschaftlich kultiviert, um dem steigenden Bedarf an Nahrungsmitteln gerecht zu werden. Dadurch wurde vielen Pflanzen- und Tierarten der Lebensraum genommen.

Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (6): Die „Bunten Wiesen“ holen das Grün in die Stadt zurück

Auch in Tübingen hat sich dies deutlich bemerkbar gemacht. Vor etwas über hundert Jahren war die Stadt noch auf den Innenstadtkern beschränkt. Im Zuge der städtischen Ausweitung wichen Wälder und Wiesen Universitätsgebäuden und Wohnsiedlungen. Mit ihnen trat die Natur den Rückzug an. Ehemals reiche Naturlandschaften beherbergten nun statt Wacholder und Schmetterlingen Wohnheime und Labore.

Doch wenn das Stadtgebiet sich auf Naturflächen ausbreitet, warum nicht der Natur Raum in der Stadt gewähren? Mit genau dieser Frage befassten sich Studierdende und Dozenten der Universität Tübingen und gründeten, pünktlich zum Beginn der UN-Dekade der Biologischen Vielfalt (2011-2020), die Initiative „Bunte Wiese“. Das Ziel ist es, einheimischen Pflanzen Raum im Stadtgebiet zu gewähren und somit vielfältigen Lebensraum für Pflanzen und Insekten zu schaffen. Das Projekt „Bunte Wiese“ wurde von der Studierenden-Initiative „Greening the University e.V.“ mitgegründet, welche sich für nachhaltige Gestaltung und Entwicklung von Lehre (Projekt „Studium Oecologicum“), Forschung und Universitätsalltag in Tübingen stark macht.

Mit der Unterstützung der Stadt Tübingen, dem Land Baden-Württemberg und der Universität Tübingen wurden inzwischen über 25 Modellwiesen auf öffentlichen Grünflächen angelegt. Für diese Wiesen wurde in Absprache mit der Stadt die Pflege umgestellt. Statt wie zuvor etwa zwölf Mal im Jahr, werden diese Flächen nun nur noch zwei Mal jährlich gemäht, so dass eine Vielzahl an Wildblumen wachsen, aufblühen und aussamen kann.

„Bunte Wiesen“ beherbergen nicht nur eine Vielfalt an Pflanzenarten, sondern fördern auch die Lebensraumentwicklung von heimischen Insekten. Schmetterlinge, Bienen und Käfer finden ein reichhaltiges Nahrungsangebot auf Wiesen, die bunte Wildblumen wie Klatschmohn, Kornblume, Borretsch, Winden, Wicken, Margeriten und Malven beherbergen. So ist es kein Zufall, dass die „Bunte Wiese“ wissenschaftlich auch vom Tübinger Prof. Oliver Betz begleitet wird, dessen Forschungsinteresse unter anderem die Ökologie der Insekten ist.

Um öffentliche Grünflächen in eine ‚bunte Wiese‘ zu verwandeln, bedarf es eines ausgeklügelten Konzepts. Grundsätzlich gilt, dass eine Wiese umso artenreicher ist, je weniger Nährstoffe der Boden enthält. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch, ist aber schlussendlich das Erfolgsrezept für Artenreichtum. Nährstoffreiche Böden fördern vor allem das schnelle Wachstum von jenen wenigen Pflanzen, die diese Stoffe schnell aufnehmen und verwerten können. Schnelles Wachstum solcher Pflanzen mindert das Lichtangebot für langsam wachsende Pflanzen und hemmt somit deren Entwicklung.

Auf nährstoffarmen Böden hingegen wird das Wachstum von Pflanzen mit guter Nährstoffaufnahme gebremst. Somit können auch langsam wachsende Pflanzen in Konkurrenz treten und sich neben Pflanzen mit schnellerer Nährstoffaufnahme gut entwickeln. Durch die Minderung der Pflanzenvielfalt auf nährstoffreichen Grünflächen wird auch die Vielfalt an Insekten und anderen Kleinstlebewesen reduziert.

Um den Nährstoffgehalt einer Fläche zu verringern, gibt es verschiedene Möglichkeiten den Eintrag in den Boden zu hemmen. Eine Möglichkeit ist es, Grünflächen durch Schafe abweiden zu lassen. Dies wird zum Beispiel auf der Naturschutzfläche am Louise-Wetzel Weg in Tübingen Wanne praktiziert. Für die meisten Flächen im Stadtgebiet wird jedoch eine Abmagerung der Wiesen durch spezielle Mähpraktiken erzielt. Anstatt das Schnittgut auf der Fläche liegen zu lassen, wird es auf den Modellwiesen nach wenigen Tagen (nachdem die Pflanzen durch Austrocknung ihre Samen verloren haben und Insekten geflohen sind) abgeräumt. Dies soll vermeiden, dass die Pflanzen vor Ort verrotten und wieder Nährstoffe freigeben.

Besonders wichtig für eine Bunte Wiese ist allerdings, möglichst selten zu mähen. Die Modellwiesen werden nur Mitte Juli und Ende September gemäht. Somit können sich die Wildblumen bis zur Aussaat entwickeln und Insekten Futter finden und ihre teilweisen komplexen Lebenszyklen vollenden. Im Herbst und Winter werden die Grashalme stehengelassen, um den Insekten Raum zur Überwinterung zu geben.

Im Rahmen verschiedener Tübinger Forschungsprojekte konnte nachgewiesen werden, dass die Umstellung auf das beschriebene Pflegekonzept der Grünflächen bei sämtlichen untersuchten Insektenordnungen und Pflanzen zu einer Steigerung der Artenanzahl führte. Auf den Modellwiesen konnten auch mehrere gefährdete Arten nachgewiesen werden, die man auf regulären Rasenflächen vergeblich suchen würde. Ein weiteres erfreuliches Ergebnis ist, dass die innerstädtischen Wiesen einen fast ebenso guten Lebensraum darstellen, wie Vergleichsflächen außerhalb der Stadt.

Tübinger Initiative ist Vorbild für andere Städte

Die „Bunten Wiesen“ im Tübinger Stadtgebiet sind oft durch Hinweis- und Informationsschilder gekennzeichnet. Solche Modellwiesen befinden sich zum Beispiel an der Europastraße, beim Bergfriedhof, am Ammerufer und auf dem Kreuz.

Neben der Ausweisung von Modellwiesen können weitere Maßnahmen ergriffen werden, um heimischen Arten mehr Raum zu gewähren. So wird zum Beispiel angestrebt, dass bei der Stadtbegrünung vermehrt heimische Pflanzen verwendet werden. Gerade im privaten Bereich fiel die Wahl bei Hecken und Sträuchern bislang oft auf opulent blühende Pflanzen wie Forsythien. Diese stammen allerdings nicht aus Europa und wecken kein Interesse bei unseren heimischen Insekten. Stattdessen gibt es eine Vielzahl heimischer Alternativen, wie Weißdorn, Wildrose und Berberitze, deren Blüten Insekten zuhauf anlocken.

Durch die Initiative „Bunte Wiese“ wurden in Tübingen Inseln der Artenvielfalt mitten in der Stadt geschaffen. Ganz nebenbei sind wunderschöne Blumenwiesen entstanden, die es nicht zuletzt auch Kindern ermöglichen, Natur in der Stadt erleben zu können. Inzwischen ist die Tübinger Initiative ein Vorbild für andere Städte. In Potsdam, Stuttgart, München, Rottenburg und auf der Insel Vilm wurden ähnliche Projekte ins Leben gerufen. Auch innerhalb Tübingens soll das Konzept ausgedehnt werden.

Diese Initiative kann auch auf privater Ebene unterstützt werden. Gerade jetzt zur Pflanzzeit kann man sich für einheimische Büsche und Sträucher entscheiden. Himbeere, schwarzer Holunder und Wildrose liefern neben bunten und duftenden Blüten Lebensraum für Schmetterlinge und Insekten, und liefern sogar Früchte für den eigenen Verzehr.

Wer eine eigene Wiese besitzt, kann durch angepasste Mähpraktiken auch hier das Blühen und Wimmeln fördern. Wenn mit Saatgut nachgeholfen werden muss, sollte darauf geachtet werden, dass autochthone Pflanzen gewählt werden. Zusätzlich kann ein Insektenhotel den Anblick des Gartens verschönern und ein Heim für Kleintiere bieten. Stück für Stück erhält die Natur so neuen Raum mitten in der Stadt.

Die Umwelt-Tipps des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs werden von Wissenschaftlern des Zentrums für angewandte Geowissenschaften (ZAG) an der Universität Tübingen vorgeschlagen, recherchiert und verfasst. An dem im Jahr 2000 gegründeten Zentrum, das zum Fachbereich Geowissenschaften gehört, beschäftigen sich rund 120 Wissenschaftler in insgesamt zwölf Arbeitsgruppen mit verschiedensten Themen und Problemen der Umwelt: Wasser, Schadstoffe im Untergrund, Luftbewegungen, Umweltgifte, Umweltphysik.

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10.09.2015, 12:00 Uhr
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