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Felicia Langer wird 80

Unerbittlich für einen Frieden auf der Basis von Gerechtigkeit

Felicia Langer feiert amheutigen 9. Dezember ein doppeltes Jubiläum: An ihrem 80. Geburtstag sind eszugleich 20 Jahre, seit dieisraelische Menschenrechtsanwältin in Tübingen lebt.

09.12.2010
  • von Ulrike Pfeil

Tübingen. Ohne Zweifel ist Felicia Langer die bekannteste Tübingerin außerhalb Tübingens: Ihre Trefferzahl bei Google liegt weit vor jener der hiesigen Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Nobelpreisträgerin darf sich auch Felicia Langer nennen: 1990, sie war erst kurz zuvor aus Israel nach Tübingen übersiedelt, wurde sie mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Diese Anerkennung würdigte ihre jahrelange unerschrockene Tätigkeit als Anwältin, die Palästinenser vor israelischen Militärgerichten verteidigte – die sehr konkrete, mitmenschlich-praktische Seite ihrer Kritik an der israelischen Okkupationspolitik.

Als sie den Alternativen Nobelpreis entgegennahm (wenig später folgte der Menschenrechtspreis der Bruno-Kreisky-Stiftung), hatte Felicia Langer ihre Kanzlei bereits geschlossen und das Land verlassen, in dem sie selbst das Ziel offener Drohungen geworden war. Auch hatte sie den Eindruck, dass sie vor den Gerichten nichts mehr ausrichten konnte, dass sie vielmehr der Besatzung als „Feigenblatt“ einer Rechtsstaatlichkeit diente, die gegenüber den Palästinensern nicht galt.

Es war im Leben von Felicia Langer bereits die dritte Emigration: Mit ihren Eltern war die polnische Jüdin als Kind vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte sie, jung verheiratet mit Mieciu Langer, dem Ruf der Mutter in das junge Israel. Ihr Mann hatte fünf Konzentrationslager durchlebt und im Holocaust alle Angehörigen verloren.

Und dann, mit 60 Jahren, ein Neubeginn ausgerechnet in Deutschland; sie konnte noch nicht einmal die Sprache. Tübingen war zunächst eine pragmatische Wahl, hier lebte ihr Sohn Michael Langer mit seiner Familie, damals noch Schauspieler am LTT, seit vielen Jahren bekannt als Kopf des Musik-Ensembles „Jontef“. Heute spricht sie mit großer Zuneigung von ihrer neuen Heimat, schwärmt vom Blick aus ihrer bescheidenen Etagenwohnung auf die Schwäbische Alb.

Angriffe nach dem Bundesverdienstkreuz

Aber ihr Lebensthema verlor Felicia Langer auch hier nie aus den Augen. Sie ist der Entwicklung im Nahen Osten stets nahe geblieben, hörte nie auf anzuprangern, was aus ihrer Sicht das Grundproblem und die Nagelprobe aller Friedensbemühungen ist: die Zementierung der israelischen Okkupation durch die Siedler. In Büchern, in Interviews, öffentlichen Auftritten, als Menschenrechtsdozentin an der Uni Bremen hat sie die gewaltförmigen Explosionen dieses Konflikts in ihrer Wirkung auf den Alltag und die Psyche der Menschen beschrieben – und immer wieder auf diese „Tragödie“ zurückgeführt.

Ja, eine Zwei-Staaten-Lösung würde Israel Existenzsicherheit bringen. Aber nicht, wenn einer der beiden gar nicht lebensfähig sei. Das zu lösende Problem sei „völkerrechtlich einfach“, sagt Langer, es werde aus politischem Kalkül „verkompliziert“. Und sie hält es, den Willen der Versöhnung vorausgesetzt, auch praktisch für lösbar, 500 000 Siedler in das israelische Kernland zurückzuholen. Ihr Lieblings-Beispiel aus der Geschichte ist der französische Präsident De Gaulle, der es seinerzeit schaffte, viel mehr Kolonisten aus Algerien zu repatriieren.

Im vergangenen Jahr erhielt Felicia Langer das Bundesverdienstkreuz. Die folgenden Angriffe und Schmähungen von pro-israelischer Seite waren für sie bisher „das Schlimmste, was ich in Deutschland erlebt habe“. Andererseits: Die Solidarität, die sie damals gerade in Tübingen (unter anderem durch Oberbürgermeister Boris Palmer) erfuhr, werde sie „nicht vergessen“.

Nach wie vor ist ein Frieden zwischen Israelis und Palästinensern in weiter Ferne. „Aber“, betont Felicia Langer, „ich bin noch nicht müde!“ Jede kleine Meldung über zivile, gewaltfreie Protestaktionen auf beiden Seiten der israelischen Trennmauer nährt ihre Hoffnung, jede dankbare E-Mail bestärkt sie, in ihrem Engagement fortzufahren. „Diese 20 Jahre in Deutschland haben doch Spuren hinterlassen“, resümiert sie nachdenklich.

„Ich bin eine glückliche Frau“, sagt Felicia Langer an ihrem 80. Geburtstag. Sie meint das Glück, mit ihrem Mann nach 60 Ehejahren zusammen zu sein, das Glück der Familie (fünf Enkel, ein Urenkel), die Kunst ihres Sohns, und – „bitte schreiben Sie das!“ – viele „wunderbare“ Freunde.

Unerbittlich für einen Frieden auf der Basis von Gerechtigkeit
Felicia Langer lässt sich trotz aller Rückschläge die Hoffnung auf einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern nicht nehmen. Bild: Metz

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09.12.2010, 12:00 Uhr
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