Tübingen

Überschätzt

Von Uwe Brauner, Tübingen

Die Nationalphilharmonie der Ukraine und Hornistin Cristiana Custódio zeigten im Tübinger Uni-Festsaal der Neuen Aula einiges an Klang-Raffinesse („Einen Strauß zum Geburtstag“, 24. November, Regionale Kultur).

Einmal bat ich den Musikwissenschaftler Prof. August Gerstmeier, mich ein wenig tiefer in die Geheimnisse jener gewaltigen, von Achim Stricker apostrophierten „Quadrupel-Fuge“ im Finale von Mozarts Jupiter-Sinfonie eindringen zu lassen, mit der er „neue Dimensionen“ erreiche und die „Bach’sche Polyphonie in klassische Proportionen“ transformiere. Doch der Ordinarius konnte mir lediglich bekennen, dass er sich über diesen „Schmarrn“, den man überall lese, regelmäßig „zu Tode ärgere“. Sein Urteil begründete er damit, dass Mozart im Finale fünf Themen zwar zugleich eingeführt – sie aber nicht konsequent zur Fuge verarbeitet habe. Nur den Anfang einer solchen habe er komponiert, die Themen dann aber einfacher behandelt.

Grund genug also, einer nüchternen Satzanalyse den Vorrang vor idolatrie-verdächtiger Überhöhung Mozarts zu geben, auch um der Mutmaßung von nicht wenigen Rechnung zu tragen, die ihn für den am meisten überschätzten Komponisten halten.

Abweichend von Strickers Urteil möchte ich auch im Blick darauf bekunden, dass es sinnvoll sei, das Finale ohne Wiederholungen zu spielen. Freilich mit den Ohren eines weniger gebildeten Hörers ausgestattet, der sich durch Adornos Musiksoziologie eines „Schöne-Stellen-Hedonismus“ überführt weiß, steht mein Gehör in der zauberhaften Verwirrung der dem Finale einkomponierten chromatischen Achterbahnfahrt bei deren Wiederkehr entscheidend verzückter Kopf. Auch Harnoncourt kann erst in einem zweiten Durchgang genug von ihr bekommen.


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06.12.2017 - 01:00 Uhr