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Bunt und blau: Eine Tour quer durch die Tübinger Kulturnacht

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Bunt und blau: Eine Tour quer durch die Tübinger Kulturnacht --

03:20 min

Anarchisches Allerlei

Über 5000 Besucher sahen die dritte Tübinger Kulturnacht „Blaupause“

Rund 150 Einzelauftritte und volle Gassen bis in den Sonntagmorgen: Die Tübinger Kunstszene feierte sich bei ihrer dritten Kulturnacht am Samstagabend in aller Vielfalt.

10.05.2010
  • Eike Freese
Über 5000 Besucher sahen die dritte Tübinger Kulturnacht „Blaupause“ Geldwäsche am Marktplatz: Das Künstlerensemble „Polidreck“ reinigte im Zwielicht des nächtlichen Marktplatzes Dollarnoten im Neptunbrunnen. Nur einer von rund 150 Auftritten bei der dritten Tübinger Kulturnacht mit dem Titel „Blaupause“. Bild: Metz

Tübingen. Die Farbe Blau: Unmittelbar denken Kulturfreunde an den „Blauen Reiter“, die „Blaue Blume“, Picassos blaue Periode. Tübinger denken an Energiesparlampen. Bisher jedenfalls. Unter dem Namen „Blaupause“ zog die dritte Kulturnacht des Vereins Kulturnetz am Samstag über 5000 Tübinger in die Altstadt. „Überwältigend“ fand Projektleiter Raffel noch tags darauf den Ansturm auf die meisten Veranstaltungen: „Man hat gesehen, dass das Anarchische, Intime und Kleinteilige einer solchen Nacht sehr gut zur Stadt passt.“

Individuell, intim, kleinteilig

Vollkommen überlaufenen Ereignissen wie der Stadtführung „Unheimliches Tübingen“ mit rund 200 Teilnehmern standen zahlreiche kleine und individuelle Veranstaltungen gegenüber. An über 60 Orten im Stadtkern liefen bis zum Morgengrauen rund 150 Einzelauftritte. Um die Altstadt am Samstag kulturlos zu durchqueren, blieb den Tübingern im Grunde nur der Weg durch die Kanalisation.

Oder auch nicht: Selbst ins öffentliche Marktplatz-Klo am Rathaus war mit Einbruch der Dunkelheit die Muse eingezogen. Zwischen Pinkel- und Waschbecken lasen Mark Pelzer und Maximilian Dorner aus ihrem Gedichtband „Absage“. Dorner ließ sich per Internet in die Bedürfnisanstalt übertragen – live aus dem Kopierraum der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek, wie er versicherte.

Gleiche Zeit, Parkgaststätte: Akribisch hatte sich der Satirezirkel „Unser Huhn“ durch die Literaturgeschichte gearbeitet und dabei Gereimtes zum Thema Harndrang zusammengetragen. Volle sieben Stunden lang plätscherte die „1. Tübinger Urinale“ im der Bahnhofskneipe vor sich hin. Neben Ringelnatz und Heine ließen „Unser Huhn“-Satiriker wie Rüdiger Rapp immer wieder Schlegels „Erotische Sonette“ anklingen: „Man lügt, dass deine gelben Quellen stinken / Mich macht ihr Duft, wenn ich sie trinke, blasser. “

Politisches Thema der „Blaupause“ in diesem Jahr: Geld. Zusammen mit der Tübinger Lebenshilfe hatten Künstler im Kunstamt in der Doblerstraße die Falschgeld-Aktion „Kunstblüten“ auf die Beine gestellt. „Einen Wunschbetrag kann sich jeder selbst auf seinen Schein drucken“, sagte Mitorganisator Peter Krullis. Spielerisch stellten die Künstler und der Verein für geistig Behinderte die Frage nach dem Wert von Geld. Zeitgleich wusch das Ensemble „Polidreck“ im Halbdunkel rund um den Marktbrunnen Dollarnoten. Die vier Performancekünstler mimten barocke Hofschranzen mit Puderperücken aus alten Wischmopps. Passanten erhielten ungefragt das „Mandala des Leidens“ überreicht – ein buntes DINA4-Papier, bedruckt mit einem Glücksrad.

Hegel, Harndrang und das Thema Geld

„Es geht darum, dass die Tübinger Künstler Eigenes machen“, sagte Projektleiter Michael Raffel zum Konzept. „Es gibt keine künstlerische Steuerung von oben, vieles beruht schlicht auf Vertrauen.“ Der Hauptgrund für den Ausschluss mancher Bewerber um ein Kulturnacht-Event sei nicht der künstlerische Gehalt, „sondern einfach der limitierte Platz in der Altstadt“.

Viel mehr wäre tatsächlich kaum gegangen: Geschätzte vierhundert Zuhörer bei einem Klavierkonzert mit Coverversionen der Rockband „Genesis“ brachten das Evangelischen Stift an die Kapazitätsgrenze. Hunderte rätselten im Stadtmuseum bei der Quiz-Nacht „Prominente in blau“, ob ein bestimmtes Porträt nun den jungen Hegel oder den alten Schelling darstellt. Vor der „Nähmaschinen-Performance“ im Gewölbe der Galerie „Art-Tempto“ mussten zahlreiche Kulturfreunde umkehren. Der niedrige Keller war restlos überfüllt.

Eine laue Frühlingsnacht hielt vor allem junge Tübinger lange in der City. „Das Wetter macht an solchen Tagen bis zu 50 Prozent der Besucher aus“, freute sich Michael Raffel schon am Nachmittag. Nach einer durchregneten Woche und nassgrauen Prognosen für die kommenden Tage deutete auch OB Boris Palmer den Titel „Blaupause“ als Hommage an den wolkenfreien Himmel. „Jedenfalls hoffe ich, dass er nicht so ausgelegt wird, die Tübinger hätten genug vom Klimaschutz“, war Palmers Anspielung an die Rathaus-Kampagne „Tübingen macht blau“.

Zuvor hatte der OB vor rund 300 Zuschauern auf dem Rathaus-Balkon beherzt ein großes Megaphon geschultert, um der Eröffnungs-Ansprache von LTT-Direktor Tilmann Pröllochs zu mehr Dezibel zu verhelfen. Dass ausgerechnet der Hagellocher Musikverein (in blauen Westen) mit schmissigen Märschen die Kulturnacht eröffnete, war für Projektleiter Raffel ein beabsichtigter Appell: für den Schulterschluss von Folklore und hoher Kunst in der Stadt.

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10.05.2010, 12:00 Uhr
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