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Kaiserwetter zum runden Geburtstag

Über 10.000 Zuschauer fieberten beim 60. Stocherkahnrennen mit

Auch nach 60 Jahren ist das Tübinger Stocherkahnrennen immer noch ein Publikumsmagnet. Bei Sonnenschein und blauem Himmel zog das Rennen am Donnerstag Tausende Besucher an.

04.06.2015
  • Philipp Koebnik

Tübingen. „A great event, very cool“, zeigte sich Norman MacLean beeindruckt. Der Neuseeländer besucht derzeit Freunde in Tübingen, noch nie zuvor habe er so etwas gesehen. Spaß hatten auch Tausende weitere Zuschauerinnen und Zuschauer, die am Donnerstag das traditionelle Tübinger Stocherkahnrennen auf dem Neckar verfolgten. Ordnungsamtsleiter Rainer Kaltenmark sprach von über 10.000 Besuchern.

„Es ist extrem viel los, aber von hier aus hat man trotzdem eine gute Sicht auf das Nadelöhr“, freute sich Max Wolff, der einen günstigen Platz auf der Neckarbrücke ergattert hatte. Das sogenannte Nadelohr ist eine enge Stelle, durch die sich die Kähne schlängeln müssen. Nicht alle meistern diesen Geschicklichkeitstest. Seit 60 Jahren gibt es das Stocherkahnrennen schon – inzwischen eine Tübinger Tradition.

Eine Tradition, der auch Leute etwas abgewinnen können, von denen man es nicht unbedingt erwarten würde. So wie bei dem 21-jährigen Jan Thißen. Mit seiner bunten Hose und den langen Haaren, die unter seiner Hippie-Mütze hervorschauen, unterscheidet er sich deutlich vom Rest des Publikums. „Hier sind so viele Leute, es ist lustig und das Wetter ist toll. Da ich heute nichts anderes zu tun habe, mache ich mir hier mit Freunden einen schönen Tag am Neckar“, sagte Thißen, der vor neun Monaten zum Studieren nach Tübingen gezogen ist.

Das 60. Tübinger Stocherkahnrennen

Videoplayer konnte nicht geladen werden.

Am Donnerstag versammelten sich über zehntausend Zuschauer, um dem 60. Stocherkahnrennen auf dem Neckar in Tübingen beizuwohnen. Bei schönstem Wetter kämpften 46 Kähne um den Sieg. Den Verlierer erwartete ein Glas Lebertran pro Person.

© Video: Luis Keppler 02:49 min

Das eigentliche Spektakel, das die Besucher von der Neckarbrücke aus beobachten konnten, war recht schnell vorbei. Dann mussten Sieger und Verlierer ermittelt werden, die auf dem Neckarfloß gekürt wurden. Den ersten Preis bekam das Team der „ehemaligsten Fachschaft Sport“. Vom Moderator gefragt, welche Taktik sie verfolgt hätten, nannten sie ihr Erfolgsgeheimnis: „Viel paddeln.“ Groß war der Jubel, als die Sieger den Pokal in Empfang nahmen.

Den Verlierer ausfindig zu machen, erwies sich als nicht ganz so einfach. Zunächst hieß es, die Landsmannschaft Ghibellinia habe das Rennen verloren. Doch dann stellte sich heraus, dass die Sängerschaft Hohentübingen zwischenzeitlich abgesoffen war. Schließlich tauchten sie wieder auf und erreichten als letzte das Ziel. Die Mannschaft wirkte etwas aufgelöst. „Wir sind irgendwo falsch abgebogen“, sagte einer von ihnen dem Moderator, der wissen wollte, warum das Team so lange gebraucht hat. Tapfer würgten die Verlierer den halben Liter Lebertran hinunter – applaudierend zollte ihnen das Publikum Respekt.

Stocherkahnrennen 2015: Das Getümmel im Nadelöhr (ungeschnitten)

Videoplayer konnte nicht geladen werden.

Tübinger Stocherkahnrennen 2015: Das Getümmel im Nadelöhr (ungeschnitten)

© Video: Schweizer 12:03 min

Für das originellste Outfit wurden dieses Mal gleich zwei Preise vergeben. Die Jury hatte zweimal dieselbe Punktzahl vergeben und so bekamen die „Nonnen“ vom Jugendhaus Lustnau ein Fass Bierund die „Minions“ der Fachschaft Geowissenschaften das Spanferkel. Freuen konnten sich auch die Tübinger Tafeln. Über 700 Euro waren bei der Versteigerung eines Stocherkahns zusammengekommen. Diese Spende übergaben die Leiter des Rennens an die Tafeln.

Trotz brütenden Sonnenscheins wollten viele nicht auf ein Bier verzichten. Alkohol, Hitze und massenhaft Menschen – keine optimale Mischung. Es gab kleinere Rangeleien, insgesamt sei jedoch alles friedlich verlaufen, so Kaltenmark, der die Veranstalter für die gute Organisation lobte. Einen Wermutstropfen gibt es indes: Das Gedränge auf der Treppe zur Neckarinsel sei so groß wie nie zuvor gewesen. Und auch die Helfer des DRK kamen kaum durch die Menschenmasse hindurch. Kaltenmark kündigte deshalb an, im nächsten Jahr kein Zelt für den Getränkeverkauf auf der Neckarinsel zu genehmigen.

Das DRK war mit sieben Leuten im Einsatz, das DLRG mit weiteren 17 Helfern und einem Boot. Vier Personen seien von den Rettungskräften behandelt worden, zumeist wegen eines Kreislaufzusammenbruchs, sagte Bastian Kahl, Organisationsleiter des Rennen.

Im Juni 1956 startete das erste Stocherkahnrennen in Tübingen. Die Studentenverbindung Lichtenstein wollte so die Einweihung ihres neuen Stocherkahns feiern. Sieben Kähne gingen damals an den Start – heute sind es etwa 50. Schon damals gehörte der schmale Durchlass zwischen Neckarinsel und -brücke, das sogenannte Nadelöhr, zu den besonders großen Herausforderungen – nicht wenige Boote kenterten dort schon. Da viele Mannschaften von Beginn an kostümiert antraten, beschloss man 1967, einen eigenen Preis für das beste Kostüm zu vergeben: ein Spanferkel. Dem Sieger des Rennens winken ein Wanderpokal und ein Fass Bier, die Verlierer müssen Lebertran trinken.

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04.06.2015, 12:00 Uhr
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