Abgebrannt, doch guten Mutes

Tübinger Mundartforscher haben Zuflucht im Schloss gefunden

Von HENNING PETERSHAGEN

Das Herz und Hirn der schwäbischen Sprachforschung ist trotz der Vernichtung der Arbeitsräume in der Tübinger Biesingerstraße noch voll funktionsfähig.

Tübinger Mundartforscher haben Zuflucht im Schloss gefunden

Wissenschaftler vor leeren Regalen: Der Mundartforscher Hubert Klausmann und die von ihm geleitete Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland haben nach dem Brand ihres Domizils Asyl in einem Turm des Schlosses Hohentübingen gefunden. Foto: Henning Petershagen

Die Bücherregale sind leer, die Schreibtische im Fünfeckturm auf Schloss Hohentübingen sehr übersichtlich – ein ungewohntes Bild für eine wissenschaftliche Wirkungsstätte. Hier hat die Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland Zuflucht gefunden, nachdem sie durch den Brand ihres Domizils in der Biesingerstraße 26 heimatlos geworden ist.

Was der spröde Name der Arbeitsstelle nicht verrät: Sie ist Herz und Hirn der schwäbischen Mundartforschung. Sie hat einen schweren Schlag erlitten durch das Feuer und die Löscharbeiten, die das ganze Haus zerstörten – Folge der Zwangsräumung am 20. März, bei der der mutmaßliche Brandstifter zu Tode gestürzt ist. Alle Arbeitsmittel sind vernichtet, vom PC bis zum Radiergummi – mit Ausnahme des Laptops eines der Mitarbeiter.

2000 Interviews auf Band

Von der Katastrophe betroffen ist auch das Archiv des Tübinger Sprachwissenschaftlers Arno Ruoff (1930–2010), der laut Wikipedia als „der beste Kenner gesprochener Sprache in Baden-Württemberg“ galt. Zusammen mit dem Germanisten und Volkskundler Hermann Bausinger hatte er 1955 begonnen, die Mundart des Südwestens systematisch mit dem Tonbandgerät aufzuzeichnen. Bis 1995 kamen 2000 Interviews aus über 500 Orten zusammen.

Die über 800 Stunden Tonmaterial übertrug Ruoff in Lautschrift und wertete sie in der Arbeitsstelle aus. Die hatte er 1973 gegründet und bis zu seiner Pensionierung 1995 geleitet. Sie gehört zum Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Uni Tübingen.

Ruoffs Unterlagen, seine Bibliothek und seine Tonbänder wurden von Feuer und Löschwasser schwer beschädigt. Heil geblieben ist nur sein Tonbandgerät. Als Ikone der schwäbischen Dialektologie ist es derzeit in Stuttgart in der Großen Landesausstellung „Die Schwaben. Zwischen Mythos und Marke“ zu sehen.

Dass das Team der Arbeitsstelle dennoch nicht in tiefe Verzweiflung gestürzt ist, liegt daran, dass es sowohl die Tonbandaufnahmen als auch Ruoffs Umschriften längst digitalisiert hat. Sie sind feuersicher im Server der Uni Tübingen gespeichert. Ihre Auswertung ist eines der drei großen Projekte der Arbeitsstelle. Dabei geht es nicht allein um die Mundart. „Ruoffs Aufnahmen erzählen die Kulturgeschichte des Landes“, sagt Hubert Klausmann, der Leiter der Arbeitsstelle. Denn Ruoff hat seine Gewährsleute einfach erzählen lassen. Die ältesten waren Jahrgang 1880, ihre Kindheitserinnerungen gingen zurück bis 1890, und die jüngsten Aufnahmen reichen bis Mitte der 1990er-Jahre. Also enthalten die Aufnahmen schwäbische Alltagsgeschichte eines Jahrhunderts.

Arbeit am geliehenen PC

Um diesen Schatz für die Kulturwissenschaft nutzbar zu machen, überträgt Rudolf Bühler von der Arbeitsstelle die Texte ins Schriftdeutsche – derzeit auf einem geliehenen PC. So lassen sich Begriffe mit Volltextsuche finden. Zudem legt er Schlagworte an, was eine gezielte Suche ermöglicht, etwa nach Berichten aus dem Ersten (!) Weltkrieg oder nach der Fasnet im Dorf.

Der Sprachatlas von Nordwürttemberg ist ein weiteres Großprojekt. Es trug dazu bei, die Arbeitsstelle, die seit Ruoffs Pensionierung keine sprachwissenschaftliche Leitung mehr hatte, nach 20 Jahren zu reanimieren. 2006 hatte Klausmann auf einer Tagung in Tübingen Alarm geschlagen: Die schwäbische Dialektforschung weise nördlich der A8 ein gewaltiges Loch auf, das zu stopfen sei, solange dort noch Sprecher der Ortsmundart leben.

Die Botschaft kam an. Mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums, der Uni und des Fördervereins „Schwäbischer Dialekt“ konnte Klausmann die Arbeit zum „Sprachatlas von Nordwürttemberg“ aufnehmen. Drei Mitarbeiter bombardierten von 2009 bis 2013 ihre Gewährsleute in 90 Orten zwischen Ulm und Wertheim mit je 1500 Fragen. Die Auswertung hat bereits zwei Sprachatlas-Bände im Internet hervorgebracht.

Das dritte Projekt ist der sprechende Sprachatlas im Internet. Er verrät, wie ein und dasselbe Wort in 52 Ortsmundarten klingt. Er ist noch in Arbeit; einige Karten-Entwürfe wurden vom Löschwasser beschädigt, aber nicht zerstört. Jedenfalls kann Klausmann entwarnen: „Unsere Projekte sind dank der Digitalisierung überhaupt nicht gefährdet.“


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31.03.2017 - 00:30 Uhr