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Ausgeliefert und wütend

Tübinger Griechen sorgen sich um Familien in der Heimat

Drei Tote, Gewalt, Demonstrationen und Generalstreik – in Griechenland herrscht der Ausnahmezustand. Die im Landkreis Tübingen lebenden Griechen verfolgen die Ereignisse voller Sorge. Hier berichten sie, wie es ihren Familien und Freunden in der Heimat geht.

07.05.2010
  • Kathrin Schoch

Tübinger Griechen sorgen sich um Familien in der Heimat
GRIECHISCHE PATIENTEN, europäische Doktoren. Zeichnung: Buchegger

Tübingen. Fast jeden Tag telefoniert Argiris Balomatis zurzeit mit seiner Familie in Griechenland. Tanten, Onkel und Cousins des Rottenburgers leben in Athen und Thessaloniki. „Ich mache mir Sorgen, dass die Situation noch weiter eskaliert“, sagt der 41-jährige Familienanwalt, dessen Eltern vor Jahrzehnten über Österreich nach Deutschland ausgewandert sind.

Es ist Mittwochnachmittag – die Nachricht von den drei Toten, die bei den Brandanschlägen auf eine Athener Bank ums Leben gekommen sind, macht gerade im Internet die Runde. Auch Balomatis hat davon gehört. Die Ausschreitungen wundern ihn nicht. „Die Leute, die jetzt auf die Straßen gehen, sind die, die sich an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt haben.“ Leider gebe es immer auch Gruppen, die dabei seien, um Rabatz zu machen.

In Griechenland erlebt der Jurist zwei Lager: „Die einen sagen, der Zusammenbruch war überfällig, jetzt müssen wir gesenkten Hauptes da durch. Die anderen wollen nicht einsehen, dass sie die Fehler der Oberen ausbaden sollen.“

Tübinger Griechen sorgen sich um Familien in der Heimat
D. Chergeletzis

Von dem griechischen Sparpaket (siehe Kasten), wird auch Balomatis‘ Familie betroffen sein. Etwa die Rentnerin, die sich fragt, was sie machen soll, wenn ihre Bezüge von 800 auf 600 Euro gekürzt werden. Auf dem Dorf sei es vielleicht nicht so schlimm. Man helfe sich gegenseitig: „Da gehen die Leute praktisch ran und sagen, dann essen wir halt weniger Fleisch.“

In der Stadt sei es viel schwieriger, weil der Zusammmenhalt nicht so groß sei. Ein Cousin von Balomatis arbeitet als Taxifahrer, er hat sich die teure Lizenz fürs Fahren kürzlich mühsam zusammengespart. Jetzt fürchtet er, dass bald die Kunden ausbleiben. Und doch: An die große Katastrophe denkt (noch) keiner, meint Balomatis. Dafür seien die Griechen zu optimistisch. Aber er kennt Fälle, in denen manche schon ihr Geld nach Deutschland transferiert haben. „Die Angst, vor verschlossenen Banken zu stehen, ist da.“

Tübinger Griechen sorgen sich um Familien in der Heimat
Argiris Balomatis

Den Griechen sei bewusst, dass die Regierung keine andere Wahl hatte, als diesen Weg zu gehen, sagt Maria Gialama (25) aus Dußlingen. Schon die Wahlen im Herbst, die einen Regierungswechsel brachten, hätten gezeigt, dass die Leute es satt haben, dass alles auf Korruption und Vetternwirtschaft aufbaut. Und doch trauten sie der Sache nicht: „Wer sagt ihnen, dass ihre Opfer etwas bringen?“, beschreibt die Jurastudentin, die in der dritten Generation in Deutschland lebt, die Befürchtungen ihrer Verwandten.

Die Menschen fühlten sich ausgeliefert, viele rechneten mit einer totalen Rezession. „Die wahren Opfer sind die Familien mit Kindern und die Selbständigen, weil sie jetzt dafür zahlen müssen.“ Viele lebten sowieso von niedrigen Löhnen mit 700 bis 800 Euro im Monat. „Die Griechen fordern, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Angela Merkel kommt bei ihnen gar nicht gut an, weil sie, wie die Griechen sagen, die Krise durch ihr Zögern noch verschärft hat.

Tübinger Griechen sorgen sich um Familien in der Heimat
A. Mousmoulidis

Gialama kennt viele, die Existenzängste haben: Unter ihren Verwandten und Freunden sind Handwerker, eine Freundin ist selbständige Kosmetikerin. Sie alle gehen davon aus, dass die hohe Mehrwertsteuer und die sinkenden Löhne die Kaufkraft extrem schwächen werden. Was mit ihnen passiert? „Ich weiß es nicht“, sagt Gialama ratlos.

„Es sind richtige Maßnahmen, aber sie sind hart“, meint Aris Mousmoulidis. „Griechenland ist das Land der kleinen Fenster“, sagt der 40-Jährige, und spielt auf die Korruption an: „Durch jedes schiebt man einen Betrag, wenn man was braucht. Und je höher du schaust, desto größer werden die Fenster.“ Ob das Sparpaket der Regierung daran etwas ändern kann? Mousmoulidis hofft es. Auf jeden Fall weiß er: „Es wird den armen Griechen sehr weh tun.“ Mousmoulidis lebte 20 Jahre lang, bis 1997, in Derendingen und betrieb dort den „Löwen“. Dann ging er nach Griechenland zurück, eröffnete ein Kaffeehaus. Doch weil die Geschäfte immer schlechter liefen, entschloss er sich, mit Frau und Kindern (10 und 5) wieder nach Deutschland zu kommen. Seit einem Monat betreibt er in Weilheim das „Kneiple“.

Tübinger Griechen sorgen sich um Familien in der Heimat
Maria Gialama

In Griechenland hätten seine Kinder keine Perspektive. Die nächsten zehn Jahre sei dort keine Verbesserung zu erwarten. Wie es seinen Eltern, Schwiegereltern und dem Bruder nahe Thessaloniki geht, erfährt er regelmäßig am Telefon. „Viele Griechen sind verschuldet. Auch meine Familie hat Angst, dass ihnen die Bank ihre noch nicht abbezahlten Häuser wegnimmt.“ Mousmoulidis glaubt, dass viele Griechen, die schon einmal in Deutschland gelebt haben, wieder zurückkommen werden. „Griechenland kann uns nichts mehr bieten“, sagt er traurig.

Dimitrios Chergeletzis aus Dußlingen ärgert sich vor allem über die griechische Regierung: „Man kann nicht jahrelang über seine Verhältnisse leben“, schimpfte der 43-jährige Familienvater gestern. Seine Verwandten in Alexandropolis seien frustriert und unsicher, ob das Sparpaket wirklich helfe. Eine Cousine ist beim Rathaus beschäftigt. Sie verliere jetzt zwei Monatsgehälter, obwohl sie hart arbeite. Chergeletzis, bei Daimler angestellt, erzählt, er habe vier Monate kurz gearbeitet. „Ich kann nachvollziehen, welche Ängste sie jetzt hat.“ Seine Sorge ist auch, dass keine Touristen mehr nach Griechenland kommen könnten. „Davon ist das Land abhängig.“ Immer wieder werde er als Grieche komisch angeschaut. Dabei sei es gerade jetzt wichtig, dass Deutsche und Griechen zusammenhalten. Bilder: Metz / Privat

Die griechischen Sparpläne und das Hilfspaket der EU

Griechenland kürzt die Löhne für Beamte, Beihilfen im öffentlichen Dienst und Renten. Im Gegenzug erhöht das Land Steuern auf Tabak, Spirituosen und Kraftstoff um zehn Prozent. Die Mehrwertsteuer steigt von 21 auf 23 Prozent.

Der Bundestag stimmt heute über das Milliarden-Hilfspaket ab. Winfried Hermann (Grüne) wird mit seiner Fraktion dafür stimmen. Aus Gründen der Solidarität sei dies die richtige Botschaft, auch wenn an dem Paket viel zu kritisieren sei. Die Linken und mit ihnen Heike Hänsel stimmen gegen das Paket. Sie halten es für ein Rettungspaket für Banken und fordern stattdessen ein Moratorium. Auch Annette Widmann-Mauz (CDU) stimmt zu (Seite 24).

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07.05.2010, 12:00 Uhr
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