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Stadt und Uni machen Fass auf

Trotz Fledermäusen: Voluminöse Sehenswürdigkeit im Tübinger Schlosskeller bald zu besichtigen

Im Tübinger Schlosskeller steht das älteste Riesenweinfass der Welt. Nach über 20 Jahren soll es bald wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

11.11.2017
  • Michael Frammelsberger

Das hatte sich der Herzog Ulrich anders vorgestellt: Als er im Jahr 1540 sein aus angeblich 90 Eichen zusammengezimmertes Riesenfass einweihen wollte, war es nicht dicht. Das verbaute Holz war nicht ordnungsgemäß abgelagert worden. Nachdem es auch bei der zweiten Füllung leckte, verlor der Herzog das Interesse an dem vier Meter breiten, vier Meter hohen und sieben Meter langen Ungetüm, dass 84000 Liter Wein fasst. Seither steht es ungenutzt im Keller des Tübinger Schlosses.

Vorbild Heidelberg

Während das etwas größere, aber über 200 Jahre jüngere Riesenfass im Heidelberger Schloss zu einer Touristenattraktion mit jährlich 500.000 Besuchern wurde, geriet das Tübinger Behältnis in den letzten Jahren eher in Vergessenheit. Seit den frühen 1990er Jahren ist der Schlosskeller für Besucher gesperrt, weil eine Gruppe Mausohr-Fledermäuse in das Gewölbe eingezogen ist. Seither gibt es immer wieder Debatten, wie Naturschutz und Nutzung von Schlosshof und -keller unter einen Hut zu bringen sind.

Seit dem Jahr 2012 wollte OB Boris Palmer das Fass wieder für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Er entdeckte bei einer Besichtigung hinter dem Fass eine Tür, die einen neuen Zugang zum Schlosskeller bietet – „ohne die Brutstätten und Versammlungsräume der Fledermäuse zu stören“, wie das Stadtoberhaupt betont.

Das Projekt wird auch dadurch ermöglicht, dass immer weniger Mausohren im Schlosskeller überwintern. „Aktuell sind es etwa 20 bis 30, früher waren es Hunderte“, erklärt Ingrid Kaipf von der AG Fledermausschutz, welche die Tiere wissenschaftlich betreut. Weil von April bis September mehrere hundert Fledermäuse ins Kellergewölbe einziehen, wird das Fass zukünftig wohl von November bis März zu besichtigen sein.

„Ich habe erst mal tief durchgeatmet“, berichtet Bernd Selbmann, Leiter des Tübinger Amts Vermögen und Bau Baden-Württemberg über die Arbeiten. Seine Behörde baue sonst große Häuser und nicht in von Fledermäusen bewohnten Kellern. Um die Tiere möglichst wenig zu stören, wurde seit 2015 nur im Winter gearbeitet. Nun gibt es ein Podest aus Lärchenholz rund um das Fass sowie eine Holztreppe in dem Durchgang, der den neuen Eingang mit den Räumen des Unimuseums verbindet. Außerdem wurde eine Brandmeldeanlage installiert und ein zweiter Fluchtweg ausgeschildert.

Die 170.000 Euro Baukosten werden durch das Erbe von Gudrun Schaal und Stefanie Wechsler finanziert, die der Stadt 1,1 Millionen Euro hinterlassen hatten.

Eine besondere Herausforderung war der fledermausgerechte Ausbau. „Wir haben jeden einzelnen Beleuchtungskörper auf Hochfrequenz untersucht“, erklärt Selbmann. Die Schwingungen könnten sonst die Orientierung der Tiere stören. Aus dem gleichen Grund wurde möglichst wenig Metall verbaut. Außerdem gib es einen Vorhang, der den Rest des Kellers von der Beleuchtung für die Besucher abschirmt.

Das Riesenfass musste außerdem restauriert werden. „Das war in einem jämmerlichen Zustand“, sagt Selbmann. Einzelne Teile hatten sich wegen der Feuchtigkeit im Keller bereits gelöst, der vordere Boden neigte bedrohlich nach vorne. Dabei wurde natürlich auch der Denkmalschutz beachtet. „Wir haben jedes Staubkorn aus dem Fass historisch analysiert“, sagt Selbmann.

Im Fass gibt es diverse Kreide-Graffiti, die laut der angeschriebenen Jahreszahlen aus vier Jahrhunderten stammen sollen. Ob die Zahlen stimmen, konnten die Experten aber nicht klären. Goethe soll übrigens beim Anblick des Fasses gesagt haben: „Hätten die Schwaben nicht ihren Wein, sie wären zu Höherem bestimmt.“ Aber auch das lässt sich nicht mehr belegen.

Im Januar wollen die Verantwortlichen mit Probeführungen im Schlosskeller starten. Vier Gruppen mit je zwanzig Besuchern sind pro Tag geplant, das ganze nur auf Voranmeldung. Die AG Fledermausschutz wird den Versuch überwachen und die Auswirkungen auf die Tiere untersuchen. Dazu werden unter anderem die Akustik und die Veränderungen in der Raumluft und Temperatur gemessen. Expertin Kaipf glaubt aber nicht, dass der Keller nach der Testphase wieder geschlossen wird. „Dazu müsste er erst wieder massiv an Bedeutung als Winterquartier gewinnen“, sagt sie. Höchstens eine Anpassung der Öffnungszeiten sei denkbar.

Mit dem Fass ins Guinnessbuch

„Wir wollen relevante Orte im Schloss stärker in den Fokus rücken“, sagt Prof. Ernst Seidl. Der Direktor des Unimuseums denkt dabei etwa an das Schlosslabor oder die Sternwarte, die nächstes Jahr fertig renoviert sein soll. Für Stadt und Uni sei es ein Gewinn, dass diese Orte wieder für die Bevölkerung zu besichtigen seien.

Ähnlich sieht es Oberbürgermeister Boris Palmer. „Unser Fass ist älter als das in Heidelberg, außerdem war in unserem mal Wein drin“, sagt er. Das sei weltweit einzigartig, deshalb wolle die Stadt einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde beantragen.

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11.11.2017, 01:00 Uhr
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