Umwelt

Transatlantischer Weckruf fürs Klima

Von JENS SCHMITZ

Der Gouverneur von Kalifornien hält im Landtag eine Rede und feiert ein Öko-Bündnis mit dem Südwesten. Von Präsident Donald Trump will er sich nicht stoppen lassen.

Transatlantischer Weckruf fürs Klima

Jerry Brown, Gouverneur von Kalifornien, trägt sich ins Gästebuch des Landes ein. Seine Frau Anne Gust Brown (links) schaut mit Winfried Kretschmann und Ehefrau Gerlinde Kretschmann zu. Foto: dpa

Franz Untersteller wird vor Freude ein bisschen rot. „Ich glaube, ich habe Ihren Umweltminister vor drei Jahren in San Francisco getroffen“, sagt Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown im Stuttgarter Landtag. „Er hat die Idee erfunden. Spenden Sie ihm etwas Beifall!“ Die Idee ist der Grund, aus dem der Regierungschef des „Golden State“ vor dem Bonner Klimagipfel im Südwesten vorbei schaut: das regionale Klimaschutzbündnis „Under2 Coalition“, das die beiden Südwest-Staaten 2015 begründet haben. „Dass Baden-Württemberg und Kalifornien zusammen diese neue Weltbewegung schaffen konnten“, sagt Brown, „das ist ziemlich unglaublich.“

Und ein Erfolg, in dessen Glanz sich nicht zuletzt die Grünen im Land sonnen möchten. Als souveräner Staat wäre Kalifornien die sechstgrößte Volkswirtschaft der Erde. Ministerpräsident Winfried Kretschmann empfängt seinen US-Kollegen am Dienstagabend im Schloss zum Essen. Landtagspräsidentin Muhterem Aras bereitet ihm am Mittwoch eine von klassischer Musik umrahmte Bühne im Parlament.

Der Demokrat Brown, der bereits in den 70er Jahren Gouverneur war und 2011 als Nachfolger von Arnold Schwarzenegger erneut ins Amt kam, spart nicht mit Warnungen: „Wir brauchen ein Wunder, wie die Welt noch keines gesehen hat“, sagt er. Kalifornien gehört zu den Vorreitern im Klimaschutz, auch und gerade in Zeiten von Donald Trump. Für Brown sind die bisherigen Erfolge aber Babyschritte. „Vor 2050 müssen wir auf null Emissionen kommen“, erklärt er am Mittwoch, „dann müssen wir das CO2, das schon in der Atmosphäre ist, durch Technologien herausfiltern, die noch gar nicht existieren. Wir müssen zu Negativ-Emissionen kommen!“ Eine respekteinflößende Aufgabe sei das. Aber sie könne auch helfen, die Welt zusammenzubringen.

Im Landtagsplenum herrscht weitgehende Einmütigkeit, fast alle Fraktionen spenden wiederholt Beifall. Nur die größte Oppositionspartei tritt klein auf: Nur fünf Abgeordnete sitzen im Fraktionsblock der AfD. Sie bleiben auch am Ende stoisch sitzen, als sich der Rest des Landtags erhebt. „Wir stehen einem Felsen an Trägheit, einem Felsen an Gleichgültigkeit und einem Felsen an Selbstgefälligkeit gegenüber“, hat Brown gesagt. „Also müssen wir zusammenkommen und diesen Fels wegschaffen.“

Dass die Bundesregierung in Washington zu den Blockierern gehört, deuten nicht nur Kretschmann und Aras in ihren Grußworten an. „Die Vereinigten Staaten sind vorübergehend im Urlaub“, sagt Brown. „Aber sie werden zurückkommen, machen Sie sich keine Sorgen!“

Das Bündnis von Kalifornien und Baden-Württemberg sei wichtiger Treiber für das Klimaabkommen von Paris gewesen, hat Kretschmann zum Auftakt gesagt: „Jetzt erst recht!“ Da ist es verschmerzbar, dass der Eindruck der Augenhöhe sich nicht immer durchhalten lässt. Angesichts der Herausforderungen etwa im Mobilitätssektor verkündet Kretschmann, er habe Brown einen Vorschlag gemacht: „Ob wir nicht insgesamt eine Partnerschaft machen wollen, über das Klimaschutzbündnis hinaus.“ Doch Brown stutzt das gegenüber US-Journalisten auf die Klimafrage zurück. Im Landtag scherzt er später, er habe sich seit der Unterzeichnung des Abkommens gefragt, wo Baden-Württemberg liege. „Jetzt sehe ich: Es gibt Sie wirklich! Hier leben Menschen!“

Der US-Staat beherbergt mehr als dreimal so viele Einwohner wie Baden-Württemberg, er erwirtschaftet mehr als zwei Drittel des gesamten deutschen Bruttoinlandsprodukts.


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09.11.2017 - 06:00 Uhr