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Gedenken an Deportation der Hechinger Juden

Tod aus den Amtsstuben

Vor einem gebannt lauschenden Publikum las Rezitator Rudolf Guckelsberger am Mittwoch in der Hechinger Synagoge aus Otto Werners neuem Buch „Deportation und Vernichtung hohenzollerischer Juden“.

03.12.2011
  • von Susanne Mutschler

Hechingen. Seit vier Jahrzehnten forscht der im Ruhestand lebende Schulrektor Otto Werner unermüdlich zur Geschichte der hohenzollerischen Juden. Am 30. November 1941 waren die letzten der noch in Hechingen und Haigerloch verbliebenen Juden nach Riga verschleppt und vernichtet worden. Seine neueste Veröffentlichung enthält dazu eine Fülle von akribisch gesammelten Dokumenten, Zeitungsberichten, Verwaltungsakten und detaillierten Schriftwechseln, aber auch Hinweise zu persönlichen Lebensumständen, die Werner von Überlebenden in Form von Tagebuchnotizen und Briefen bekam.

Mit Blick auf das kleinstädtische Umfeld

Die Geschichte erschöpfe sich nicht in Daten und Fakten, sondern werde in den Schicksalen der vertriebenen Hechinger Juden anschaulich und emotional nachvollziehbar, fand Rezitator Rudolf Guckelsberger. Otto Werner lenke den Blick auch auf das kleinstädtische Umfeld, in dem das von den Nationalsozialisten propagierte Programm der „Vernichtung des Weltjudentums“ seine konkrete und gewissenhafte Umsetzung im Alltag der obrigkeitstreuen Verwaltungsbehörden fand.

Guckelsbergers wohlklingende Sprechstimme verlieh der trockenen Ausdrucksweise der Amtsschreiben aus dem Hechinger Rathaus eine fast dramatische Präsenz. Weil sich der damalige Bürgermeister Paul Bindereif das Hechinger Altersheim „judenfrei“ wünschte, hatte es 1941 eine ebenso förmliche wie herzlose Korrespondenz gegeben, in der die Verantwortlichen um den künftigen Aufenthaltsort der betagten Sara Levi schacherten.

Die Hechinger Witwe Marie Levi, die im Rahmen der „Wohnraumbeschaffung“ ihr Haus hätte räumen sollen, wählte nach dieser Nachricht aus dem Rathaus lieber den Freitod. Die Nachlassregelung übernahm ihre Nichte, die – wie Werner dokumentiert - die Aufforderung zu ihrer eigenen „Evakuierung“, wie die Deportation euphemistisch genannt wurde, bereits in Händen hatte.

Mit scharfem Auge (und bisweilen eingefügten Ausrufezeichen) weist Werner darauf hin, wie die Bürokratie den Eindruck der Rechtmäßigkeit der Anordnungen beförderte. Was durch einen NS-Verwaltungsakt den Status einer Richtlinie bekommen hatte, schien zur Bürgerpflicht geworden zu sein, der Folge zu leisten war.

„Umsiedlung“ war perfekt organisiert

So war die so genannte „Umsiedlung“ der letzten elf jüdischen Bürger am 30. November 1941 verwaltungstechnisch perfekt organisiert. Ihre Vermögen waren sichergestellt, die Gepäckstücke registriert. Es wurden Transportnummern und Ausweise verteilt, selbst von den wenigen in den Wohnungen zurückgelassenen Lebensmitteln fand Werner Listen über Art und Gewicht. „Minutiös und bedenkenlos führten die nachgeordneten Funktionsträger aus, was angeordnet war“, schreibt er.

Wer sich widersetzte, brauchte Mut. Edmund Eppstein etwa, der in Hechingen einen Kolonialwarenladen hatte, schlug den Behörden 1939 vor, dass er statt des für männliche Juden vorgeschriebenen zweiten Vornamens Israel lieber Ephraim heißen wolle. Den daraus folgenden scharfen Briefwechsel kann man in Werners Buch nachlesen.

Ein Brief an den SA-Kontrollen vorbei

Ihrer von der Deportation betroffenen Freundin Helene Weinberger zuliebe hatte sich Lina Heß aus Haigerloch selbst in Gefahr gebracht, als sie – an den SA-Kontrollen vorbei – einen Brief für Helenes Eltern in den nach Riga abfahrenden Zug schmuggelte. Ihre zu Herzen gehenden Erinnerungen, die Guckelsberger vorlas, erzählen ebenso sehr von der Hilflosigkeit der befreundeten Frauen wie von der Unbarmherzigkeit des faschistischen Überwachungssystems, das auf dem kleinen Haigerlocher Bahnsteig fast so gut funktionierte wie auf den Rampen der Konzentrationslager.

Eine würdige musikalische Begleitung bekam die Gedenkveranstaltung durch den Cellisten Ulrich Schwarz, der das Gebetstück „Kol Nidrei“ von Max Bruch spielte und die Sopranistin Ursula Wiedmann, die von Norbert Kirchmann am Piano begleitet wurde. Sie sang Liedkompositionen des letzten Hechinger Rabbinatsverwesers (1908-1941) Leon Schmalzbach und aus den „schlichten Weisen“ von Max Reger. Ein in der Alten Synagoge ausgestellter Zyklus von Holzschnitten zeigt, wie sich der Belsener Künstler Andreas Felger 1986 mit dem Holocaust auseinandersetzte. Inspiriert hatte ihn Arnold Schönbergs Melodram „Ein Entronnener aus Warschau“ von 1947.

Tod aus den Amtsstuben
Rabbinatsverweser Leon Schmalzbach (hier mit seiner Tochter Ruth) wurde auch nach Riga deportiert. Seine Biografie ist in Otto Werners Buch „Deportation und Vernichtung hohenzollerischer Juden“ als drittes Beispiel geschildert.Privatbild

Tod aus den Amtsstuben
Titel des Buchs von Otto Werner.

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03.12.2011, 12:00 Uhr
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