Bei Stromausfall wird’s brenzlig

Tausende Einsatzkräfte übten im und rund um den Schönbuch den gemeinsamen Einsatz

Von Madeleine Wegner

Unfall, Brände, Explosion: 2300 Einsatzkräfte übten im Schönbuch Notsituationen. Fazit: Ein flächendeckender Stromausfall wäre fatal.

Tausende Einsatzkräfte übten im und rund um den Schönbuch den gemeinsamen Einsatz

Mit Hacke und Schaufel statt Wasser versuchen die Helfer der Organisation „@fire“ bei Entringen das Feuer in Schach zu halten. Bild: Schweizer

Durch den dichten Rauch ist kaum etwas zu erkennen. Doch das Dröhnen eines Hubschraubers, der über den Baumwipfeln kreist, scheint näher zu kommen. Seit Tagen herrscht schon große Hitze, das Wasser ist knapp, im Schönbuch brennt es, der Strom fällt an vielen Orten aus. Das war das Szenario, das die Katastrophenschutz-Großübung „Heißer Süden“ der beiden Regierungspräsidien Stuttgart und Tübingen am Samstag im Schönbuch simulierte. Dabei sollten möglichst viele Unglücks-Fälle zusammenkommen. So gab es in einem Zeltlager nahe des Klosters Bebenhausen bei einer Gasexplosion sehr viele Verletzte auf einmal, im Schönbuch entfachten an schwer zugänglichen Stellen Brände, auf dem Kirchentellinsfurter Baggersee kenterten mehrere Menschen mit einem Boot, ein Bus verunglückte auf der Autobahn nahe Gärtringen.

Die verschiedenen Rettungsorganisationen, Freiwillige und Profis, sollten dabei üben, gut miteinander zusammenzuarbeiten. Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr, DRK, THW, DLRG, Bergwacht und andere Organisationen waren im Einsatz, insgesamt 2300 Rettungskräfte. Die Großübung erstreckte sich über die vier Landkreise Böblingen, Esslingen, Reutlingen und Tübingen. „Katastrophen, Brände oder Stromausfälle machen nicht an Kreisgrenzen halt“, sagte Innenminiser Thomas Strobl und betonte die Notwendigkeit solcher Übungen. Strobl besuchte einen der Übungseinsätze im Schönbuch nahe Entringen.

Eingehüllt vom Rauch der Reisig- und Strohhaufen arbeiten die Feuerwehrleute an einem Graben. Er soll verhindern, dass sich das Feuer weiter ausbreitet. Zum gleichen Zweck legen sie kontrolliert ein Gegenfeuer. „Das Problem im Wald ist: Das Wasser ist knapp“, sagte Kreisbrandmeister Marco Buess. „Ich bin sehr dankbar, dass solche Übungen im Wald stattfinden. 40 Prozent der Landesfläche sind bewaldet. Szenarien, wie sie derzeit in Kalifornien zu beobachten sind, können mit dem Klimawandel auch bei uns Realität werden“, sagte Martin Strittmatter, Leiter Forstdirektion im Tübinger Regierungspräsidium.

„Eine Person ist abgestürzt. Zehn Meter tiefer Hang. Wirbelsäulentrauma. Fraktur am Bein. Soweit stabil“, schnarrt es durch das Funkgerät. Unweit der Brandstelle im Schönbuch ist einer der Feuerwehrleute einen steilen Abhang hinabgestürzt. Es dauert nur wenige Minuten, bis die neun jungen Männer von der Bergwacht Pfullingen zwischen den Bäumen ihre Seile aufgespannt haben. Dann seilt sich ein Team hinab, versorgt den vermeintlichen Verletzten, verfrachtet ihn in die Trage. Über den Seilzug ziehen die Helfer oben die Trage aus der Schlucht herauf.

Auch die Tübinger Kliniken Crona, BG und UKT waren eingebunden in die Übung. Die simulierenden Patienten wurden dorthin gebracht. „Und das an einem Tag, an dem wir große Transplantationsoperationen hatten“, sagte UKT-Chef Michael Bamberg, „es war eine sehr reale Situation.“ Unter den Patienten war auch ein Helfer, der sich tatsächlich bei der Übung am Rücken verletzt hatte und versorgt werden musste.

„Das große Thema ist die Kommunikation. Hier müssen wir weiter üben“, fasste der Stuttgarter Regierungspräsident Wolfgang Reimer zusammen. In Esslingen etwa sei die Lufteinheit nicht erreichbar gewesen, sodass Löschwasser aus der Luft auf ein Einsatzfahrzeug gekippt wurde. Andernorts seien Alarmmeldungen nicht rechtzeitig angekommen. „Wir wissen momentan noch nicht, wo sie stecken geblieben sind“, sagte Reimer.

Ein weiterer Schwachpunkt zeigte sich an ganz anderer Stelle. „Am verwundbarsten sind wir im Ernstfall eines flächendeckenden Stromausfalls“, sagte Utz Remlinger, Tübingens Regierungsvizepräsident. „Unsere bisherigen Möglichkeiten mit Notstromaggregaten sind unzureichend. Wir wären in vielen Bereichen schachmatt gesetzt. Angefangen bei der Kommunikation über die Funktionsfähigkeit vieler technischer Einrichtungen bis hin zur Mobilität, wenn Hilfskräfte beispielsweise ihre Fahrzeuge wegen Stromausfall nicht mehr betanken könnten.“

Davon abgesehen habe die Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfskräfte gut funktioniert. „Die Übungslagen beim ‚Heißen Süden‘ waren sehr komplex und oft auch körperlich herausfordernd. Trotzdem wurden die von den Hilfskräften hervorragend bewältigt“, sagte der Katastrophenschutzbeauftragte des Innenministeriums Hermann Schröder. „Unsere Investitionen in die Ausbildung der Hilfskräfte haben sich ausgezahlt. Zudem haben etliche reale Einsätze in der jüngeren Vergangenheit dazu geführt, dass die Zusammenarbeit zwischen den Hilfsorganisationen bereits routiniert funktioniert.“ Die detaillierte Auswertung der Großübung muss nun zeigen, wo weitere Schwachstellen sind und wo – unter anderem zur Verbesserung der Kommunikation – technisch nachgerüstet werden muss.


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15.10.2017 - 17:47 Uhr