Cirque du Soleil

Tagsüber Mensch, abends Libelle

Von SANDRA KOLB

Ameisen jonglieren mit Kiwis, und Spinnen winden sich in ihren Netzen: Die Show „Ovo“ entführt in den bunten Kosmos von Insekten. Und auch hinter der Bühne wuselt es – aber nach strengem Plan.

Tagsüber Mensch, abends Libelle

Einige Artisten-Kinder sind auch mit auf Tour. Foto: Cirque du Soleil

Zürich. Aus dem Boden schlängelt sich eine Ranke empor. Eine blaue Libelle tanzt anmutig um sie herum, fliegt durch sie hindurch, hält sich an ihr fest. Alles ist in blau-grünes Licht getaucht. Ehrfürchtig beobachtet eine Spinne das Schauspiel. Schließlich stützt sich die Libelle auf ihre beiden Hände, spreizt die Beine zu einem Spagat und schaut triumphierend ins Publikum.

„Ovo“ entführt seine Zuschauer in die bunte und wuselige Welt vieler Insekten. Die familienfreundliche Show ist 2009 zur Feier des 25-jährigen Bestehens des Artistenzirkus' Cirque du Soleil entstanden und tourte im vergangenen Jahr als Arena-Show durch Nordamerika, Japan und Australien. In Zürich war nun Europapremiere von „Ovo“, und Ende November kommt die Show nach Stuttgart. Der weltberühmte Cirque du Soleil, 1984 vom Kanadier Guy Laliberté aus Straßenkünstlern in Québec gegründet, steht für Akrobatik auf hohem Niveau – ganz ohne Tiere.

Aber in „Ovo“ sind sehr wohl Tiere: Spinnen, Heuschrecken, Kakerlaken, Schmetterlinge, Ameisen – alle von Artisten in aufwendigen Kostümen dargestellt. Es wird gewuselt, gesprungen, gekrochen, getanzt, geturnt. Und eine Geschichte erzählt: Eine friedliche Insektengemeinschaft wird durch das Auftauchen einer fremden Fliege mit einem mysteriösen Ei (portugiesisch für „Ovo“) völlig aus dem Rhythmus gebracht.

Mit 21 Jahren der jüngste Artist

Am nächsten Vormittag ist aus der blauen Libelle Kyle Cragle geworden. Der Handakrobatiker sitzt im Spagat auf einer blauen Turnmatte. Den Kopf auf die Hände gelegt, hört er Musik. „Wer mag nicht einen guten Madonna-Song?“, sagt der US-Amerikaner etwas verschlafen. Die Hälfte der rund 100 Mitarbeiter von „Ovo“ sind Artisten. Sie kommen aus 14 Nationen. Cragle ist mit 21 Jahren der Jüngste.

Statt aufwendiger Maske und Flügeln trägt er nun eine graue Jogginghose und ein blaues Shirt. Cragle wärmt sich für seine Probe auf. Er turnt, seit er sieben Jahre alt ist, mit neun beschloss er, zum Cirque du Soleil zu gehen: „Ich hatte in Orlando eine Show gesehen und mich sofort verliebt.“ Seinen Traum vor Augen absolvierte er eine Ausbildung an der Nationalen Zirkusschule in Montreal, seit einem Jahr gehört er zum Ensemble von „Ovo“.

Cragles Traumberuf beinhaltet nun täglich drei bis vier Stunden Training. Im Backstage-Bereich des Züricher Hallenstadions gibt es ein Turnareal mit Matten und Seilen. Daran schließen sich eine Ecke mit Fitnessgeräten, ein Kostümfundus und Technik und Requisiten an. Die Bereiche sind durch hunderte Kisten voneinander abgetrennt – alle mit Nummern beschriftet, damit sie bei den wöchentlichen Umzügen nicht verloren gehen. „Ich habe mir immer vorgestellt, dass es im Cirque du Soleil nur um Perfektion geht. Aber wir sind Zirkusartisten, wir sind verrückt“, sagt Cragle mit einem verschmitzten Lächeln.

Dabei ist auf der Bühne reinste Präzision zu sehen. Wie bei Tony Frebourg: Meterhoch, bis zu den Scheinwerfern, lässt er als Glühwürmchen vier gelbe Diabolos fliegen, fängt sie leichthändig mit dem Seil wieder auf, jongliert und macht dabei einen einarmigen Handstand mit Spagat. Der 35-jährige Franzose hält neun Weltrekorde und gewann mehrere Meisterschaften im Diabolo. „Ich habe mein ganzes Leben für diesen Job gewidmet“, sagt er, „ich wollte der Beste auf der Welt sein.“

Und eine solche Perfektion ist auch hinter den Kulissen nötig. Denn mindestens ein Jahr lang wird „Ovo“ durch die Arenen Europas touren: Jede Woche geht's in eine neue Stadt, nur über Weihnachten und Neujahr wird drei Wochen lang pausiert – eine organisatorische Höchstleistung. Die liegt in den Händen des US-Amerikaners Mike Newnum. Der Produktionsmanager koordiniert neben Licht- und Bühnentechnik auch die wöchentlichen Umzüge. Jeden Sonntagabend machen sich rund drei Stunden nach der letzten Show 23 Lastwagen auf den Weg in eine andere Stadt. „Dienstag früh wird alles wieder aufgebaut, und nach rund zwölf Stunden sind wir nahezu fertig für die Show.“ 32 Techniker sind im Einsatz.

Aus zehn Metern Höhe stoßen sich die Artisten von einer Wand ab und springen auf ein Trampolin, in 13 Metern Höhe schwebt ein Paar in der Luft, nur mit einer Hand an einem Seil hängend – „Ovo“ steht auch für extreme Kunststücke. Die Show ist eine Herausforderung für die Techniker, die täglich jedes einzelne Teil der Produktion kontrollieren. Und die Artisten wollen immer mehr: Noch höher, noch riskanter, noch beeindruckender sollen die Tricks werden. „Sonst würden sie irgendwann nur noch wie Roboter funktionieren“, sagt Produktionsmanager Newnum, „denn die Artisten haben 300 Shows im Jahr.“

Cragle schlängelt sich durch das Kistenlabyrinth zur Kostümecke: Der Schuh seines Libellen-Kostüms ist kaputt. Dort flickt und näht die Brasilianerin Luana Ouverney gemeinsam mit drei Mitarbeiterinnen. 300 Kostüme müssen jeden Abend einsatzbereit sein. Und danach gewaschen werden – klar, dass auch sechs Waschmaschinen und drei Trockner jede Woche mit umziehen.

Ouverney holt ein dickes Buch aus einer Kiste: „Das ist unsere Bibel.“ Jeder Pinselstrich, jede Farbe im Make-Up und die Requisiten sind von der Zentrale in Montreal vorgegeben. Nur so sieht „Ovo“ in Tokio, London, New York City und Stuttgart immer gleich aus. Auch die maßgeschneiderten Kostüme stammen aus Kanada. In einer Datenbank sammelt der Cirque du Soleil die Körpermaße jedes Artisten und schickt die Kostüme zu den jeweiligen Shows. „Es dauert 75 Stunden, um das Heuschrecken-Kostüm herzustellen.“

Nicht standardisiert ist dagegen der Humor: „Die Clowns haben den schwierigsten Job, denn Humor ist in jedem Land anders“, sagt die kanadische Firmenleiterin Heather Reilly. In Japan werde beispielsweise während der Show aus Respekt vor den Artisten nicht geklatscht.

„Man merkt schnell, ob man das Publikum hat“, sagt der 51-jährige Gerald Regitschnig, der den Chef der Käfer spielt. Der Österreicher, der seine Clown-Karriere im Zirkus Knie begann, ist bereits seit 1992 beim Cirque du Soleil. Der ist für ihn die „Formel 1 der Zirkusse“. Sein Gegenpart, die schlaksige blaue Fliege, wird vom 20 Jahre jüngeren Schweizer Jan Dutler gespielt. Der gelernte Zimmermann reiste zunächst als Straßenmusiker um die Welt, bis er schließlich die Clownschule in Montreal besuchte. Haben Clowns wirklich den schwierigsten Job? Dutler schmunzelt: „Die Schweizer lachen halt nicht. Die Deutschen sind nicht so verkrampft.“

Es ist wieder Abend. Eine halbe Stunde sitzt Kyle Cragle in der Maske. Dann muss er sich aufwärmen. Anspannung, Aufregung, schließlich tritt er vor die Augen tausender Zuschauer. Und dann beginnt die blaue Libelle ihren grazilen Tanz mit der Ranke.


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02.11.2017 - 06:00 Uhr