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Streitbar gegen Monokultur und Einheitsbrei
Ein Macher, ein Erzähler: Berthold Seliger. Foto: Udo Eberl
Musikkultur

Streitbar gegen Monokultur und Einheitsbrei

Berthold Seliger ist seit Jahrzehnten Konzertveranstalter, aber auch ein Mahner und Aufklärer.

04.11.2017
  • UDO EBERL

Ulm. Wenn Berthold Seliger aus seinem Buch „Das Geschäft mit der Musik“ liest, das in Besprechungen mal als „grandioses Lehrbuch“ (Spex) oder als „wütendes Manifest gegen die Musikindustrie“ (FAZ) bezeichnet wurde, dann spricht er frei und sprudelnd. Für die Institution unter den Kulturveranstaltern ist es auch in der Ulmer Galerie der SÜDWEST PRESSE ein spürbares Anliegen, die aktuellen, meist nur konsumorientierten Geschäftsmodelle der Musikindustrie zu beleuchten – scharfgeistig und im politischen und philosophischen Kontext. Sein Buch ist bereits in der 7. Auflage erschienen, zudem wurden inzwischen die Bücher „I Have A Stream“ und „Klassikkampf“ veröffentlicht.

Seligers Herz gehört der Kultur, den Künstlern, den Ermöglichern, nicht denen, die mit monopolistischen Strukturen ein „Imperiengeschäft“ betreiben und den „Kulturausverkauf“ billigend in Kauf nehmen. Und so wühlt er sich während seiner Lesung einmal mehr selbst auf, redet sich in Rage, trifft mit konkreten Beispielen. Er hat zwar auch ein „Madonna-Mikro“ an der Backe, „aber ich rede noch, sie singt nicht mehr selbst“. Zum maximalen Profit gehöre eben auch eine stets perfekte Inszenierung. So perfekt, dass Stimmen aus dem Background oder dem Computer nachhelfen müssten.

Einst sei Popmusik ein Teil der Subkultur gewesen, sagt Seliger und kommt ein wenig ins Romantisieren, wenn er gegen Monokultur und Einheitsbrei antritt. Das legendäre „Monterey Pop Festival“, das vor 50 Jahren nicht nur für eine neue Musik, sondern für den „Geist der Gleichheit“ und die „Visionen für eine andere Gesellschaft“ stand, wünscht er sich zurück. Das dänische Roskilde Festival, das von Beginn an als Non-Profit-Event an den Start ging und mit dem Gewinn in diesem Jahr unter anderem den Wiederaufbau des Hamburger „Pudel Clubs“ oder Flüchtlingsprojekte unterstützte, sieht er als vorbildhaft. Allerdings scheint auch Seligers Insider-Blickwinkel ein begrenzter zu sein, und viele interessante, hoffnungsvolle Künstlerprojekte finden im Buch und der Lesung nicht statt.

Seine argumentativ hinterlegten Sticheleien gegen den allgegenwärtigen Neoliberalismus und die Macht des Geldes rütteln durchaus auf. Von Metternichs Satz „Das Volk soll sich nicht versammeln, sondern zerstreuen“ klingt da sehr aktuell, und manche von Seliger ausgebreitete Zahl klingelt geradezu schmerzhaft in den Ohren: 110 Millionen Euro soll CTS Eventim im vergangenen Jahr allein durch die Zusatzgebühr eingenommen haben.

Seliger will die Zwischenhändler und Mitesser idealerweise loswerden. Aktuell liegt der Durchschnittspreis für Veranstaltungen im Bereich Rock und Pop bei 73 Euro, doch „Veranstalter und Künstler schauen in die Röhre“.

Der Berliner Veranstalter, der noch immer Künstler wie Patti Smith in die Konzertsäle bringt, hofft, dass Künstler ihre Macht erkennen und auch nutzen – beispielsweise bei der Begrenzung von Eintrittspreisen nach oben. Und im Schnitt künftig auch mehr verdienen. Laut Seliger liegt das Durchschnittseinkommen der Musiker in Deutschland bei 13 000 Euro im Jahr.

Ein Kulturausverkauf dürfe nicht stattfinden, denn wie wichtig Kultur für Menschen sei, könne man in Ulm mit dem „Löwenmenschen“ sehen. Seliger: „Der Mensch hat und hatte schon immer ein Bedürfnis nach Kultur, nach etwas Höherem, nach künstlerischen Äußerungen.“ Kultur sei eben weit mehr als nur ein Geschäft. Udo Eberl

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04.11.2017, 06:00 Uhr
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