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Wagner rahmte auch Warhol

Stoffe für Geschichten (2): Buchbinder der Pausa – Künstler gingen aus und ein

Das Buchbinderhandwerk habe er auf Zureden seiner Ahne gelernt, erinnert sich der 1929 in Mössingen geborene Karl Wagner. Weil er sich in seinem Tübinger Lehrbetrieb aber „wie ein Teil der Maschine gefühlt“ habe, wechselte er 1952 zur Pausa.

22.12.2012
  • von Susanne Mutschler

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Mössingen. Er habe noch den alten Chef Richard Burkhardt gekannt, markiert er den Anfang seiner 50 langen Arbeitsjahre. Er war der einzige Buchbinder und hatte entsprechend vielfältige Aufgaben. Jedes Stoffmuster klebte er auf Kartonbögen auf, die er anschließend zu festen Musterbüchern band. „Die Vertreter und Kaufleute wollten doch was zum Anschauen haben“, erklärt Wagner. Größere Rapporte zog er auf dicke Pappe auf. Bei Hannelore Steinhilber in der Mustermacherei wurde alles aufbewahrt.

„Karl Wagner hatte immer viel zu tun“, weiß die ehemalige Musterentwerferin Renate Schulz noch gut. Der Buchbinder sei ein Handwerker vom alten Schlag gewesen, mit eigenem Arbeitsrhythmus und eigenen Auffassungen, beschreibt ihn der frühere Stoffmustermaler Manfred Binder aus Ofterdingen. „Fromm, konservativ und zuverlässig.“

Wagner war nicht nur ein Fachmann im Bücherbinden, sondern auch im Bilderrahmen. Das Bild von der Pausa bei der Weltausstellung in Barcelona 1929 habe er neu gerahmt. „Das hing im Flur im zweiten Stock“, weiß der 83-Jährige noch. Für die Ausstellungen in der Pausa zog er besonders gelungene Stoffdrucke auf Rahmen. Als die „Afrikana-Kollektion“ präsentiert wurde, rahmte er über 100 Stoffkunstwerke.

Auch als der Entwerfer Klaus Heider sich anlässlich der Olympiade 1972 zu Stoffmustern mit Sportlermotiven inspirieren ließ, machte Karl Wagner die passenden Rahmen für die ganze Serie. Er rahmte auch den kompletten Satz der sechs Marilyn-Monroe-Bilder von Andy Warhol, die Juniorchef Werner Greiner gehörten und als wertvolle Leihgaben in der Tübinger Kunsthalle ausgestellt wurden.

Wagners Geschmack trafen die Popart-Gemälde sicher nicht. Der Entwerfer Engelbert Schramm, der sein Atelier vis-à-vis von der Buchbinderei hatte, entsinnt sich an den verhaltenen Widerwillen des Buchbinders.

„Die Entwerfer habe ich alle gekannt“, erzählt Wagner und nennt die Namen von HAP Grieshaber, Peter Dresel, Walter Mathisiak, Verner Panton, Renate Schulz, Leo Wollner und Eckart Aheimer. Sie brachten ihm „ihre Sachen“ und verließen sich beim Rahmen und Binden auf seinen Sachverstand. Wenn er auf dem Weg in seine Werkstatt an den Ateliers vorbeikam, kriegte er beim Reingucken mit, was gerade an neuen Stoffmustern entstand. „In der Pausa gingen große Künstler aus und ein“, sagt er, „aber die meisten Stoffmuster hat über die Jahre der Andreas Felger gemalt.“

Mit dem Stolz des ehemaligen Pausaners erinnert sich Karl Wagner, dass die Mössinger Firma anderen Textilbetrieben „immer eine Nasenlänge voraus war“. Wenn die Arbeit drängte, habe er selbstverständlich „eine oder zwei Stunden länger geschafft“. Er blieb Buchbinder, bis er 69 Jahre alt war und erlebte mit, wie die Pausa „Stück um Stück zerbrach“. Das macht ihm heute noch das Herz schwer. Ein kleiner Trost ist ihm, dass die unzähligen Stoffmuster inzwischen gerettet sind. „Nach der Insolvenz hat man die doch bloß zusammengebunden und verkommen lassen!“

Stoffe für Geschichten (2): Buchbinder der Pausa – Künstler gingen aus und ein
Karl Wagner, langjähriger Pausa-Spezialist, wohnt heute in Tübingen – und erinnert sich gern an die alten Zeiten in Mössingen. Bild: Metz

Stoffe für Geschichten (2): Buchbinder der Pausa – Künstler gingen aus und ein
Musterbuch mit farbenfrohem Inhalt.

Im Archiv der ehemaligen Mössinger Textilfabrik Pausa lagern bereits jetzt rund 100 000 verschiedene Stoffmuster, 717 dicke Musterbücher und ungefähr 12 700 gemalte Entwürfe. Noch immer sind nicht alle Bestände inventarisiert. Die Stoffmuster erzählen vom wechselnden Zeitgeschmack, von neuen Drucktechniken und Verfahren und von den Künstlern und Designern, die für die Pausa arbeiteten – wir erzählen davon in unserer kleinen Serie.

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22.12.2012, 12:00 Uhr

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