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Gnadenfrist für die Ruine der Ambacher Mühle

Starker Last-Minute-Bürgerwille bringt Aufschub

Der Daumen war schon gesenkt über der Ambacher Mühle, dem maroden Uralt-Bau an der Kappelstraße 22. Doch eine dreitägige Unterschriften- Aktion engagierter Bürger hat Wirkung gezeigt – und stellt sowohl Verwaltung als auch Aktivisten vor Probleme.

17.11.2012
  • von Eike Freese

Dußlingen. Bürgermeister Thomas Hölsch hatte sich die kommenden Wochen sicher etwas anders vorgestellt: Der zukunftsweisende Haushalt steht vor der Tür. Landschaftsarchitekten für die Ortsmitte rücken an. Dußlingen-Ost und -West wachsen dieser Tage verkehrstechnisch zusammen. Soweit, so unalltäglich. Doch rundum außerplanmäßig platzte in der Nacht zum Montag ein inzwischen 262-stimmiger Bürgerwille in den Terminkalender: Unterschriften engagierter Dußlingerinnen und Dußlinger für den Erhalt der Ambacher Mühle.

Und so weitete sich Punkt 8 der Gemeinderatssitzung am Donnerstag völlig unerwartet aus: Wo eigentlich bloß abgenickt werden sollte, dass gut 23 000 Euro nicht zuviel sind für den Abriss, gab es jetzt ein bewegtes Bürger-Plädoyer, eine Grundsatz-Rede vom Rathaus-Chef und komplizierte Pläne für eine einträchtige Zukunft. Ergebnis: Um Mühlenfreunde, Gemeindeverwaltung und die Erben der Gebäudes zufrieden zu stellen, sind derzeit salomonische Höchstleistungen gefragt – und die möglichst schnell.

Bis Ende des Jahres wollte die Gemeinde mit Billigung des Rats das Gemäuer plätten: Schneller Kauf, schneller Abriss, schnelle Abrechnung. Das ist die Formel dafür, die Bagger-Kosten noch unter den Deckel des geförderten Sanierungsgebiets Bahnhofstraße zu kriegen. Das muss bis Ende Dezember klappen. Die Zeit drängt.

Auch für Bruno Müller drängt die Zeit. Um 23.56 Uhr in der Nacht zum Montag ploppte die engagierte E-Mail des Dußlinger Architekten in die Gemeinde-Mailbox. Inhalt: Die Ambacher Mühle ist zu liebenswert, um sie dem Bagger zum Fraß vorzuwerfen. Sie sei ein Stück Dorfkultur. Und auch, wenn sie derzeit beim besten Willen keine Schönheit ist: Viele Erinnerungen und mächtig viel Geschichte stecken in dem Bau aus dem 15. Jahrhundert. Bis Donnerstagmittag hatten die Aktiven 262 Bürgerinnen und Bürger gewinnen können. Das sind 156 Stimmen zuwenig für ein habhaftes Bürgerbegehren – aber 262 Stimmen zuviel, um sie seitens der Gemeinde einfach zu übergehen.

Am Donnerstag ergriff Müller als Bürger im Gemeinderat das Wort. Es war ein eindringliches Plädoyer für den verwunschenen Bau. Müller nannte das Votum ein „starkes Signal“ und hinreichenden Grund, den Abriss der Mühle zu verschieben. Er wünscht sich jetzt eine öffentliche Debatte über die Zukunft der Mühle: „Es kann so gut tun, ein Stück gute, anfassbare Geschichte zu erhalten, als Kulturgut, auch für nachfolgende Generationen.“ Die Engagierten könnten sich ein Heimatmuseum vorstellen – zeigten sich aber auch offen für jede andere erhaltende Nutzung des Gebäudes. Dieses muss kein Geld bringen, so der Tenor. Es muss ein Stück Ortskultur repräsentieren.

Für die Gemeindeverwaltung war und ist das prominente Grundstück am Tor zum Ortskern vor allem eins: zu schade, um darauf Spinnen und Mäuse zu beherbergen. Jahrelang, das erzählen auch Kenner außerhalb des Rathauses, hat sich kein Nutzer für das Gemäuer finden können – trotz dutzendfachen Interesses und der Aussicht auf Investitionsförderung. Weder Wohnungsbauer noch Gastronomen hatten sich für den verwinkelten Altbau erwärmen können. Auch für die Gemeinde selbst wäre ein Ausbau eine Millionen-Investition. Seit 1994 steht das Haus leer. Für den Denkmalschutz ist es uninteressant.

Die wirtschaftlichen Vorteile bei einem Abriss liegen auf der Hand: Die Fläche am Rathaus ist zentral, attraktiv und bietet Raum nicht nur für Wohnungen, sondern auch für Geschäfte. Teilweise viergeschossig soll hier gebaut werden. Eine turmartige Konstruktion könnte somit die Ecke akzentuierten. „Eine Visitenkarte zum Ortskern“ nannte Stadtplanerin Dietrun Locher die Adresse noch im Sommer. Angesichts dieser Alternative sah sich die Verwaltung in den vergangenen Jahren ganz offenbar nur vor eine Wahl gestellt: Die Taube in der Hand – oder der Spatz auf dem Dach. Auch der Gemeinderat hatte in jüngster Zeit Kauf, Abriss und die neuen Baupläne nie per se infrage gestellt.

Entsprechend zurückhaltend waren die Reaktionen der Räte auf das Bürger-Engagement. FWV-Sprecher Klaus Zürn etwa mahnte, dass „die Bürger auch die Rahmenbedingungen unserer Entscheidung kennen müssen. Das hätte bestimmt einen Einfluss auf die Befragung gehabt“. Zürn fragte, was denn „das Endziel“ eines Nicht-Abbruchs sein sollte. Bis auf den provisorischen Erhalt des Gebäudes sieht das Bürgerbegehren tatsächlich derzeit nur Ideenfindung vor. DWV-Sprecher Harald Müller sagte, es sei „nicht Aufgabe der Gemeinde, das Gebäude zu erhalten und auszubauen“. Und SPD-Rat Gerhard Iwanczuk monierte, er hätte von dem massiven Bürgerinteresse „gerne vor einem halben Jahr erfahren“ – und nicht drei Tage vor dem Auftrag ans Abriss-Unternehmen. Alle Fraktionen schlossen sich indes dem Vorschlag der Gemeindeverwaltung an, die Unterschriften-Aktion zu respektieren: „262 Stimmen sind nicht nichts“, so Thomas Hölsch. „Und ich bin sicher, es ist für Sie leistbar, auch die nötigen 418 Stimmen zusammenzubekommen.“

Damit aber fangen die Probleme an: Denn sollten sich die interessierten Bürger durchsetzen, sitzt die Gemeinde zunächst einmal auf einer Immobilie, die sie eigentlich schon zu den Akten gelegt hatte. Im Notfall, so Thomas Hölsch, würde er von dem Kauf des Anwesens sogar zurücktreten – bezahlt sei nämlich noch nichts, und die neue Lage im Ort stelle die Geschäftsgrundlage des Kaufs infrage. Das würde die Ambacher Mühle zunächst zwar vor dem Abriss bewahren – aber nicht vor möglichem Verfall und Leerstand. Damit wäre auch den Engagierten wenig gedient, die sich im Rat zudem vor die Tatsache gestellt sahen, dass sie bei einem Bürgerentscheid mit verfehltem Quorum zwar Fakten geschaffen hätten – aber rückwirkend ohne Legiti mation.

Gestern Mittag räumten die Erben ein letztes Möbelstück aus dem Fachwerkbau: ein kleines Holzregal. Die Ambacher Mühle steht jetzt frei für die Gemeinde. Ihre Geschichte ragt 517 Jahren in die Vergangenheit. Ob weitere Jahre dazukommen, wird sich in den kommenden drei Wochen klären.

Starker Last-Minute-Bürgerwille bringt Aufschub
Wertvoll für die einen wie für die anderen: Das Grundstück mit der Ambacher Mühle birgt viel Ortsgeschichte – und genauso viel Ortskapital.

Die Abrisspläne für die Ambacher Mühle werden zunächst einmal auf Eis gelegt. In den kommenden Wochen werden jetzt die formalen und inhaltlichen Voraussetzungen für einen Bürgerentscheid geprüft. Sollten die nicht erfüllt sein, „müsste das Abrissunternehmen dann halt drei Wochen lang richtig Gas geben“, formuliert Thomas Hölsch. Sollte der bislang unerwartete Fall des Bürgerentscheids in die Nähe des Möglichen rücken, behält sich die Gemeinde vor, vom Kauf der Mühle zurückzutreten, um nicht auf einer Immobilie zu sitzen, deren Zukunft ungewiss ist. Möglicher Termin für den potenziellen Entscheid wäre im Frühjahr.

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17.11.2012, 12:00 Uhr
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