Französische Filmtage

Starke Frauen im Kongo und anderswo

Von Dorothee Hermann

Das rohstoffreiche Riesenland steht beim „Fokus Afrika“ im Mittelpunkt.

Starke Frauen im Kongo und anderswo

Der Kongo im Film: Die Festivalgäste Véro Tshanda Beya aus Kinshasa (rechts) und Tariq Sardi (aus Paris) am Samstagnachmittag am Aufgang zum Tübinger Kino Atelier.Bild: Sommer

Es gibt Filmtitel, die gleich aufhorchen lassen: „Maman Colonelle“ ist eine Doku über die Polizeikommandantin Honorine Munyote im umkämpften ostkongolesischen Diamanten-Zentrum Kisangani. Die familiäre Anrede hat nichts mit einem betulichen Mamakult zu tun oder gar der naiven Hoffnung, eine mütterliche Polizistin werde es schon richten, wo ihre männlichen Kollegen, der Staat und der Kolonialismus gescheitert sind.

„Maman“ oder „Papa“ ist eine alltägliche Anrede, die einfach mehr Respekt ausdrücken soll als ein „He, du“. Sie wird verwendet, wenn Leute miteinander in Kontakt treten möchten, die den Namen des anderen (noch) nicht kennen, beispielsweise auf den Straßen der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. Das erfuhren die Zuschauer im komplett ausverkauften Kino Atelier am Samstagabend von Véro Tshanda Beya, der großartigen Hauptdarstellerin von „Félicité“. In dem vielschichtigen Meisterwerk von Alain Gomis spielt sie die Nachtclubsängerin gleichen Namens, die nach dem Unfall ihres Sohnes verzweifelt versucht, Geld für dessen Operation aufzutreiben. Kinos gebe es in Kinshasa nicht, berichtete Beya. Nur das französische Kulturinstitut habe einen Vorführraum. Dennoch sagt sie:: „Kinshasa ist eine tolle Stadt.“ Es nehme einen gleich bei der Ankunft gefangen. „Es gibt unfassbar viel Armut. Aber es gibt immer auch Lösungen.“

„Maman Colonelle“-Filmemacher Dieudo Hamadi konnte nicht selbst nach Tübingen kommen. Doch sein Ton-Ingenieur Tariq Sardi reiste aus Paris an. „Maman Colonelle“ sei so authentisch, weil die Dargestellten den Filmemacher als ihresgleichen akzeptiert hätten. „Als Weißer ist man Repräsentant der Geschichte, Sohn der Kolonisatoren“, sagte Sardi dem TAGBLATT. „Und alle unterbrechen, was sie gerade tun.“ Der afrikanische Film werde stets „in einen politischen Raum projiziert“.

„Es geht darum, dass afrikanische Regisseure ihre Geschichten erzählen können, und die deutsche Gesellschaft die Möglichkeit bekommt, Filme zu sehen, die nicht so klischeeartig sind“, sagte Cathy Plato, Erste Vorsitzende des Forum Afrikanum Stuttgart, bei der Diskussion „30 Jahre afrikanisches Kino bei den Filmtagen“ am Samstagnachmittag im Café Haag.

„In vielen Filmen werden Afrikaner anders dargestellt, als wir selber das möchten“, so Plato, die selbst aus dem Kongo stammt. Um das zu ändern, seien die Filmtage eine wichtige Plattform – auch um zu zeigen, „wie vielfältig Afrika ist“. Die Leute im Kongo schauten sich keine kongolesischen Filme an, ergänzte sie. „Sie sehen sich Sketche im Fernsehen an.“ Plato ist überzeugt, dass das Kino die Macht hat, gesellschaftlichen Wandel anzustoßen. „Viele arbeiten hier und denken nicht mehr an die Heimat.“ Da böten Filme die Möglichkeit, nochmal hinzugucken, auch für Kinder, die keine Vorstellung haben vom Land ihrer Eltern in Afrika.

Die algerische Regisseurin Rayhana lebt in Paris. „In Algerien hatte ich nie die Möglichkeit, einen afrikanischen Film zu sehen.“ Dafür habe sie nach Europa kommen müssen. Ihren Filmtage-Beitrag „A mon âge je me cache encore pour fumer“ hat sie bewusst in einen Hammam verlegt. „Das ist der einzige Ort, den Männer nicht betreten dürfen.“ Im Dampfbad könnten die Frauen sie selbst sein. Andererseits: „Sie sind nackt in jeder Hinsicht.“ Mit Bezug auf Simone de Beauvoir warnte Rayhana: „Jede politische oder ökonomische Krise ist ein Rückschlag für die Frauenrechte.“

Die „Fokus-Afrika“-Macher/innen Bärbel Mauch, Jörg Wenzel und Bernd Wolpert – haben vor 30 Jahren angefangen, „weil wir selbst neugierig waren“, so Wolpert. „Bei der Berlinale kam das afrikanische Kino praktisch nicht vor. Man hat es Cannes überlassen.“ Die damaligen Leinwandpioniere hätten sich als Panafrikanisten verstanden. „Das hat sich sehr geändert.“

Tübingens Kinobetreiber haben versprochen, „Félicité“ demnächst im regulären Kinoprogramm nochmals zu zeigen, sagte Mauch. Und wer „Maman Colonelle“ bei den Filmtagen verpasst hat, bekommt eine zweite Chance beim Tübinger Filmfest Frauenwelten ab dem 22. November.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


06.11.2017 - 01:00 Uhr