Wissenschaft

Stammen wir alle von Zwergen ab?

Von ST

Der gemeinsame Vorfahr von Mensch und Affe könnte nur fünf Kilogramm gewogen haben, glauben Forscher.

Stammen wir alle von Zwergen ab?

Ziemlich klein: der Gibbon. Bild: Trautsch / Wikipedia

Wie groß war der letzte gemeinsame Vorfahr von Menschenaffen und Menschen? Das ist eine Frage, die schon viele Forscher beschäftigte, denn bislang wurden von dem Urahn keine versteinerten Knochen oder ähnliches gefunden. Mark Grabowski vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und sein Kollege William L. Jungers von der University of Stony Brook in New York haben jetzt eine neue Methode probiert, um die Größe dieser unbekannten Art und ihrer Verwandten zu bestimmen: Sie haben untersucht, wie sich die Körpermassen des Menschen und seiner Ahnen im Lauf der Evolution entwickelten. Grundlage dafür sind durchschnittliche und geschätzte Körpermassen einer großen Zahl von lebenden und ausgestorbenen Arten von Menschen, Menschenaffen und anderen Primaten.

Bisher wird häufig angenommen, dass der letzte gemeinsame Vorfahr von Menschenaffen und Menschen bereits die Größe eines Schimpansen hatte. Im Widerspruch dazu deuten die neuen Studienergebnisse darauf hin, dass die Lebensumgebung des letzten gemeinsamen Vorfahren der Menschenaffen eher zu einem Tier in der Größe eines Gibbons passt. Der menschliche Vorfahr hätte danach lediglich fünf Kilogramm gewogen.

Die Menschenartigen, auch Menschenaffen im weiteren Sinne genannt, trennten sich vor rund 25 Millionen Jahren von der Abstammungslinie, die zu den Altweltaffen führte. Aus der Gruppe der Menschenartigen zweigte vor rund 17 Millionen Jahren die Linie der Gibbons ab, die auch kleine Menschenaffen genannt werden. Darauf folgten die Orang-Utans, dann die Gorillas. Zuletzt trennten sich die Linien von Schimpansen und Menschen. Forscher kennen über Knochenfunde eine verwirrende Vielfalt an ausgestorbenen Affen- und Menschenarten, ihr Stammbaum ist so komplex wie lückenhaft.

Mark Grabowski und William Jungers haben sich in ihrer Studie auf das Körpergewicht konzentriert. Es spiele bei fast allen Aspekten der Gestalt und Lebensweise eines Tiers eine Rolle, wie dem Energiebedarf, der Ernährung, der Fortbewegung und dem Verhalten. „Um die Paläobiologie längst ausgestorbener Arten zu rekonstruieren, muss man auch eine Vorstellung von ihrer Körpermasse haben“, sagt Mark Grabowski. Für seine vergleichenden Untersuchungen hat das Forscherduo Daten von fossilen und heute lebenden Affen- und Menschenarten aus Südamerika, Afrika, Europa und Asien zusammengetragen.

Die neue Sicht auf die menschlichen Vorfahren stellt bestehende Evolutionsmodelle der Menschenaffen infrage. So wurde zum Beispiel angenommen, dass die frühen Menschenartigen das Schwinghangeln als Fortbewegungsart in den Bäumen entwickelten, weil sie zu schwer waren, um auf den Ästen zu laufen, wie es viele Primaten bis heute tun. Nun sehe es so aus, als ob zunächst das Schwinghangeln aufkam und unabhängig davon erst viel später die Körpergröße zunahm. „Möglicherweise gab es eine Konkurrenz mit anderen Affenarten um Früchte, und später war die Zunahme der Körpermasse ein weiterer Schritt in diesem Wettrüsten“, sagt Grabowski.


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13.10.2017 - 01:00 Uhr