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Absurde Erlebnisse in der Idylle

Stammbesucher beklagen überzogene Kontrollen am Kirchentellinsfurter Baggersee

Lächerliche Kontrollen, konstruierte Verstöße: Stammbesucher halten das Vorgehen der privaten Security am Kirchentellinsfurter Baggersee für überzogen.

28.08.2017
  • Andreas Straub

Sind die Kontrollen am Baggersee übertrieben? Oder sind sie nötig, um für Ordnung zu sorgen? Für weit überzogen halten sie einige Stammbesucher, die sich bevorzugt im früheren FKK-Bereich aufgehalten haben.

Seit mithilfe des privaten Sicherheitsdienstes Secom stark kontrolliert werde, berichtet beispielsweise Dieter Weiß, gehen die allgemeinen Besucherzahlen stark zurück. Die frühere Schwulen-Szene am naturgeschützten Südufer sei bereits nach 14 Tagen erledigt gewesen. Auch sonst gehe der Besuch zurück. „An warmen Wochenenden tummelten sich die Leute auf der Liegewiese am Nordufer sonst Handtuch an Handtuch“, sagt Weiß. „Das ist nicht mehr so.“

Weiß wohnt in Rommelsbach und kommt seit mehr als 40 Jahren an den See. So ruhig wie in dieser Saison sei es noch nie gewesen. Vor drei Wochen zählte er an einem sonnigen Tag unter der Woche zum Beispiel elf Badegäste, die von zwei Sicherheitsleuten bewacht wurden. Dass am vergangenen Samstag bei bestem Wetter einiger Betrieb herrschte, sei eine Ausnahme, erklärt Weiß. Im früheren FKK-Bereich indes, der umständlicher zu erreichen ist, sind an diesem Tag tatsächlich kaum noch Badegäste.

Weiß führt den Rückgang auf die intensiven Kontrollen zurück. Er kann von vielen absurden Erlebnissen in den letzten Wochen berichten. Und das, obwohl er selbst Polizeibeamter in Reutlingen ist. Weiß legt allerdings Wert darauf, als Privatperson zu sprechen: „Die Kontrollen sind für meine Begriffe lächerlich. Oft werden Verstöße konstruiert.“ Ein Beispiel: Letzte Woche sind zwei Mädchen mit einem Hund an den beiden Securitymitarbeitern vorbeigegangen, die gerade beim Eiswagen hinter der Unterführung eine Pause einlegten. Sobald sich die Mädchen auf die Wiese gesetzt hätten, seien die Sicherheitsleute losgerannt, hätten Personalien aufgenommen und ein Bußgeld von 55 Euro verhängt. Oder die „Pizza-Affäre“: Ein älteres Ehepaar sei des Platzes verwiesen worden, weil es eine Pizzaschachtel dabei hatte. Damit könnte es Müll verursachen.

„Der gemeindliche Vollzugsdienst und seine Helfer treten wie Polizei auf, das sind sie aber nicht“, sagt Weiß. Ihm selbst und einigen anderen hätten sie hinter Gebüschen aufgelauert, um zu sehen, ob die Badehose an bleibt. Auch Ferngläser sollen im Einsatz sein. Die Sicherheitsleute, so Weiß, förderten Denunziantentum: Der hat keine Badehose an, da hinten grillt einer, dort wurde ein Hund gesehen. „Meine Ehefrau kommt wegen der Sicherheitsleute schon nicht mehr mit an den See“, sagt Weiß. Nach seinem Eindruck wurden die Kontrollen, wann immer er oder andere sich bisher schon bei der Gemeinde darüber beschwerten, noch einmal verschärft.

„Am meisten ärgern mich falsche Verbotsschilder“, sagt Gerhard Lotze, der seit 30 Jahren an den See kommt und in Kirchentellinsfurt wohnt. Auch er mag das Ufer, das sich im Laufe der Jahre zum FKK-Bereich entwickelt hat. Am Nordufer, sagt Lotze, seien Schilder weit vor dem Naturschutzgebiet aufgestellt worden. Damit entfalle ein Weg durch das Schilf und ein weiterer Bereich sei gesperrt. „Für mich sind die Schilder eine bewusste Irreführung“, sagt Lotze. Die „brachialen Methoden“ des Sicherheitsdienstes findet er nicht richtig. Teils werde sogar morgens Streife gelaufen, wenn kaum jemand da sei.

„Für die Gemeinde ist der See ein Klotz am Bein“, sagt Lotze. Dabei habe der Baggersee eine überregionale Freizeitbedeutung. „Jetzt ist der Naturschutz angeblich so wichtig, nächstes Jahr soll ins schönste Biotop eine Wakeboard-Anlage kommen“, ergänzt ein weiterer Besucher, der seit Jahrzehnten seine Feierabende im Sommer am See verbringt, seinen Namen aber nicht nennen möchte. „Damit wird eine Idylle zerstört.“ Während für Verbesserungen am Ufer kein Geld da sei, gebe die Gemeinde 50.000 Euro für die Sicherheitsleute aus.

Ein weiteres Ärgernis für die drei: Ein neuer FKK-Bereich, den man leicht hätte einrichten können, ist bis heute nicht ausgewiesen. „Es gibt eine große Verwirrung, was richtig und was falsch ist“, sagt eine Besucherin auf der nördlichen Liegewiese. Die Stimmung in der Gruppe, die wegen des „einmaligen Flairs“ an den See gefahren ist, ist geteilt: Die meisten finden es gut, dass einschlägige Szenen vom See vertrieben wurden, andere äußerten sich zurückhaltender.

Kirchentellinsfurts Bürgermeister Bernd Haug steht weiterhin zu den Kontrollen. „Wir fahren damit auf Sicht“, sagte er auf TAGBLATT-Nachfrage. Die Situation zuvor sei aus dem Ruder gelaufen. Haug will am derzeitigen Umfang der Kontrollen festhalten. Sollten sie sich als überzogen herausstellen, würden sie zurückgefahren. Haug räumte ein: „Wenn der Sicherheitsdienst über das Ziel hinausschießt, ist das nicht okay.“ Auch nach seinem Eindruck verzeichnet der See weniger Besucher. Für den Bürgermeister ist dieser Rückgang allerdings vor allem auf die deutlich weniger Leute am Südufer zurück zu führen.

Haug verwies auf die Verkehrssicherungspflicht, die die Gemeinde habe. Seit der Sicherheitsdienst im Einsatz sei, stelle man einen deutlichen Rückgang des hinterlassenen Mülls fest. Es werde weniger wild gegrillt, Hunde einschließlich ihrer Hinterlassenschaften wurden von der Liegewiese verbannt. „Es ist jetzt im Sinne aller Badegäste deutlich sauberer“, sagte Haug.

Aus der Kirchentellinsfurter Bevölkerung habe er sehr viel Zustimmung für die schärfere Überwachung am See erhalten. Und einen kleinen Schritt will die Gemeinde auf die Nacktbader zugehen. Ab der kommenden Saison soll im Zuge des Bebauungsplanverfahrens für die Wakeboard-Anlage ein gesonderter FKK-Abschnitt ausgewiesen werden, stellte Haug in Aussicht.

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28.08.2017, 21:00 Uhr
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