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Hand-Werk

Spagat in die Moderne

Mit Maßkollektionen, hochwertigen Stoffen und Accessoires und einem enormen Wissenschatz ist die Textile Manufaktur Negele in Tübingen die Adresse für historische Kleidung, originalgetreue Trachten und Uniformen. Das Familienunternehmen feiert heuer seinen 130-jährigen Geburtstag und hat die Zukunft fest im Blick.

17.02.2017
  • TEXT: Evi Miller|FOTOS: Unternehmen

In der Fasnetszeit herrscht Hochbetrieb in der Textilen Manufaktur Negele in der Reutlinger Straße in Tübingen. Die nach individuellen Entwürfen gefertigten und handgearbeiteten Häs und Kostüme garantieren den Zünften den perfekten Auftritt im närrischen Treiben. Nach der Fasnet geht es bei Negele munter weiter: Neben der typischen Trachtenkleidung, etwa für Musik- oder Schützenvereine, sind die historischen Uniformen der beste Beweis für die erlesene und moderne Handwerkskunst und das fundierte Wissen im Hause Negele.

Rund 2500 bis 3000 Vereine, schätzt Vertriebsleiter Günter Staudt, gehören zum Kundenstamm. Musikvereine, Gesangsvereine, Spielmannszüge, Zünfte aus ganz Deutschland und darüber hinaus haben sich bei Negele ausstatten lassen. Naturgemäß müssen jedes Jahr Passformen an wachsende Umfänge angepasst werden, Kostüme aufgefrischt oder für neue Mitglieder ergänzt werden. Eine Herausforderung ist dabei die große Spannbreite an Größen: „Das gleiche Kostüm muss dem Kind wie dem Großvater perfekt passen“, erklärt Geschäftsführerin Regine Negele-Henkel, „wir wollen die Vereine schließlich glücklich machen“. Eine Voraussetzung für jeden noch so ausgefallenen Kundenwunsch ist das riesige Lager, in dem unter anderem 15000 Meter Stoff in allen denkbaren Farben und Beschaffenheiten ständig bereit liegen. Betreut wird es vom langjährigen Mitarbeiter Martin Körner, der beim Auffinden schneller als die Software sei, scherzt der kaufmännische Leiter Davide Antoniolli.

Um historisch originalgetreue Kleidung herzustellen, braucht es vor allem auch fundiertes Wissen und viel Erfahrung. Ob Heraldik, Knöpfe, Zierteile, Farben – alles muss bis auf das kleinste Detail stimmen. Bei den historischen Uniformen ebenso wie bei den Trachten. Was wurde in welcher Gegend zu einem bestimmten Zeitraum getragen? Das ist eine Frage, die die Mitarbeiter der Firma Negele oft recherchieren. In wirklich schwierigen Fällen steht auch Senior Ulrich Negele zur Seite. „Bei den Uniformen gab es Vorschriften, die kann man nachlesen. Bei den Trachten ist es schwieriger. In Bayern gibt es eine Trachtenberatungsstelle. In Baden-Württemberg gibt es diese nicht“, stellt Negele Senior fest und hat deshalb seit Jahrzehnten alles an Literatur, was es zu diesem Thema gibt, gesammelt, katalogisiert und digitalisiert. „Die Firma Negele galt seit jeher als sichere Beratungsquelle“, sagt Ulrich Negele. Gab es schwierige, gar unlösbare Aufträge? Spontan erinnert sich der Senior an einen zumindest denkwürdigen, was die Anrede betrifft, auch nicht ganz einfachen Besuch: „Ihre königliche Hoheit“, die Ehefrau von Carl Herzog von Württemberg, beehrte die Uniformfabrik, um eine neue Dienstkleidung für das männliche Personal auf Schloss Altshausen in Oberschwaben auszuwählen. Die württembergischen Farben Gelb-Schwarz waren schnell ausgesucht. Ihr Favorit allerdings: Den langen Gehrock in Gelb, die Weste in Schwarz, muteten dem Ehemann zu modern an, hätten sie die Bediensteten aussehen lassen wie Kanarienvögel. Den Auftrag bekam Negele, musste die Farben allerdings umdrehen: Gehrock Schwarz, Weste Gelb.

Vor drei Jahren übernahm Regine Negele-Henkel die Geschäftsführung von ihrem Bruder Ulrich Negele junior mit dem Anspruch, „die Tradition mit der Moderne zu verbinden“. Dazu gehört ein Sortiment, das den Spagat zwischen historischen Kostümen und modernen Trachten hinbekommt. Vielseitigkeit für eine breite Kundschaft: Musikvereine, Bürgerwehren, Schützenvereine, Gesangsverein, Theater, Oper. Auch die neuen Uniformen der Feuerwehr in Baden-Württemberg stammen aus dem Hause Negele. „Außerdem haben wir umgebaut, die Software modernisiert und die Schnitte modifiziert. Die Modelle sind heute viel filigraner“, sagt Regine Negele. Unterstützt wird sie von Kaufmann Davide Antoniolli und von Günter Staudt, Prokurist und Gesellschafter. 28 Mitarbeiter arbeiten heute im Stammhaus in der Reutlinger Straße, wo Verwaltung, Einkauf, Zuschnitt, Versand und ein Showraum konzentriert sind.

Regine Negele ist mit dem Familienunternehmen aufgewachsen, hat Bekleidungstechnik von der Pike auf gelernt und in Reutlingen Schnitttechnik studiert. Sie kann sich noch an Zeiten erinnern, als die Franzosen mit ihren Panzern die Reutlinger Straße hoch und runter fuhren und das Haus zum Zittern brachten. Die Nähe zur Kaserne war für ihren Großvater ausschlaggebend bei der Auswahl des Firmenstandortes. „Ein kluger Schachzug für die damalige Zeit“, findet Negele. Doch während die Fasnetskostüme bald nur vorübergehend aus dem Schaufenster an der Reutlinger Straße verschwinden, ist die Zeit der französischen Offizierskleidung längst vorbei. Der Blick der vorbeifahrenden Autofahrer fällt jetzt auch auf ein großes Plakat mit jungen, modern gekleideten Menschen. Denn Regine Negele-Henkel hat mit ihrer Crew ein weiteres Standbein für das Familienunternehmen geschaffen, damit der Spagat in die Moderne leichter gelingt: Freizeitkleidung für Vereine, und Messe- und Firmenbekleidung zur Steigerung des „Wir-Gefühls“. Sozusagen eine logische und moderne Variante der Vereinstracht. Negele weiß: „Es macht Spaß, wenn Menschen sich mit einem Erkennungsmerkmal präsentieren.“

Chronik der Firma Negele

1886 gründete Karl Jonathan Negele sein Geschäft als Säckler und Mützenmacher. Nach dessen frühen Tod wurde es von seiner Frau Karoline Negele weitergeführt, bis die beiden Söhne Karl und Wilhelm nach dem 1. Weltkrieg die Firma übernehmen konnten. Der Kundenkreis wurde ausgeweitet. Der erste Verein, eine Musikkapelle, wurde 1922 eingekleidet. Auch Feuerwehren Musikkapellen, Forstleute, Offiziere und Amtsboten gehörten zum Kundenkreis.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs stellte Wilhelm Negele die Maßschneiderei auf Zivilkleidung um und machte die Partnerschaft mit Vereinen zur soliden Basis für den Wiederaufbau. Die Firma zog in die Reutlinger Straße.

Nach dem plötzlichen Tod von Wilhelm Negele übernahm Ulrich Negele senior im Jahr 1961 die alleinige Verantwortung. 1973 erweiterte er die Produktionskapazität, als er die Firma Hessbacher in Spaichingen übernahm und dort die gesamte Näherei zusammenfasste.

An seinem sechzigsten Geburtstag, dem 18. August 1989, übergab Ulrich Negele sen. die Leitung an seinen Sohn, Ulrich Negele jun. Damit war die vierte Generation im Familienunternehmen angekommen. Seit 2014 ist Regine Negele-Henkel Geschäftsführerin. Ihr Anspruch: Tradition und Moderne zu verbinden. Aus der Uniformfabrik Negele Tübingen wurde die Textile Manufaktur Negele – lebendige Tradition in einem neuen innovativen Gewand.

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17.02.2017, 01:00 Uhr
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