Film Commission auf Tour

So filmreif ist die Region

Von Ines Kunze

23 Frauen und Männer aus der Filmbranche erkunden die Region auf der Suche nach dem perfekten Drehort.

So filmreif ist die Region

Kleiner Klimawandel: Früher schwitzten hier Schmiede wegen 1200 Grad heißer Teile, heute behalten die Filmemacher lieber ihre Jacken an.Bild: fc

Was macht ein Produzent in einer ehemaligen Fabrik für Strickbademoden? Vielleicht bald einen Film drehen, wenn es nach der Film Commission Region Neckar-Alb geht. Seit Anfang des Jahres soll das Projekt der potenzielle Drehorte in der Region ausfindig machen und Filmschaffende dafür begeistern.

Damit die erkennen, wie filmreif die Region ist, hat die Kommission neulich 23 Drehbuchautoren, Regisseure, Produzenten und andere Filmemacher auf eine Bustour durch den Landkreis geschickt. Auf dem Plan standen das Henningareal mit seiner großen Industriehalle in Metzingen, die Künkele-Mühle und das Haus auf der Alb in Bad Urach, das Alte Lager in Münsingen sowie die ehemalige Heinzelmann-Fabrik und die Nicolaikirche in Reutlingen.

Erster Halt Metzingen: ein 21000 Quadratmeter großes Areal mit alten Fabrik- und Lagerhallen. Ab 1860 erbaut, stehen alle Gebäude heute unter Denkmalschutz – allen voran die 17 Meter hohe frühere Schmiedehalle. Durch die vergilbten Fenster scheint etwas Licht auf den massiven Gegenschlaghammer, an den sich angeblich nur drei Leute herangetraut haben, als hier noch mit glühendem Metall gearbeitet wurde. Ruß und Brandflecken sollen erhalten bleiben, die Atmosphäre nicht verloren gehen. Eine Katze schreit, weil eine Teilnehmerin sie vor lauter Faszination übersehen hat. Die flatternden Tauben erinnern an schwarze Raben, die man an einem verlassenen Ort wie diesem erwarten würde. Trotz der Größe des Ortes ist es nun schwierig, nicht aus Versehen auf Fotos zu landen, denn die Filmemacher dokumentieren eifrig und machen sich Notizen. Einer würde am liebsten gleich ein verrostetes Regal mitnehmen.

Das Kontrastprogramm erwartet die Gruppe in der Künkele-Mühle – hier sind die Tauben weiß, und statt leeren Hallen ist jeder Winkel dekoriert. Als die Bustüren aufgehen, schallt „Salut d’amour“ durch Lautsprecher über den ganzen Hof. Auf der Wandzeichnung im Trauraum springt ein blauer Hirsch einer rosafarbenen Hirschkuh mit Blumenkranz und Schleier hinterher – wer die TV-Komödie „verliebt, verlobt, vertauscht“ gesehen hat, erkennt die Kulisse: Die Künkele-Mühle hat schon Dreharbeiten erlebt. Mit einem Themenpark vergleicht ein Produzent diese Anlage, ein anderer findet, dieses Volkstümliche „müsse man schon mögen“.

Gar nicht kitschig ist das nächste Ziel: Das „Alte Lager“ in Münsingen wurde 1895 als Militär- und Kasernenanlage gebaut, fast 100 Jahre lang war es Militärgelände. Mit 72 Hektar ist es so groß, dass die Gruppe im Bus herumgefahren wird – was viele nutzen, um ihrem Sitznachbarn umfassend von aktuellen Projekten zu erzählen. Manch einer schreibt an Fernsehserien, ein anderer berichtet von seinem Besuch am Set – und alle stoßen auf höchst interessierte Zuhörer.

Von ursprünglich 205 Gebäuden sind auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz noch rund 150 erhalten, darunter ein Leichenwaschhaus, jede Menge Lager, Kasernen und Pferdeställe. Götz George hat hier schon Szenen des Films über seinen Vater Heinrich George gedreht. Hoch auf dem Hügel thront ein Casino, von dem Offiziere über das ganze Gelände blicken konnten. Eine Praktikantin schwärmt: „Wenn man das ganze Störmaterial wegräumen könnte und statt der Mercedes-Autos hier Kutschen stünden – das würde wieder aussehen wie vor hundert Jahren. Da müsste man eigentlich mal eine Serie draus machen.“

Auf keinen Fall gemütlich, sondern in erster Linie funktional sollte das in weiss gehaltene „Haus auf der Alb“ gestaltet werden, das ursprünglich als Erholungsheim für Arbeiter gebaut wurde. Jetzt gehört es der Landeszentrale für politische Bildung. Von den steril erleuchteten Gängen, die dem Gebäude zur Krankenhaus-Atmosphäre verhelfen, möchte jeder ein Foto aufnehmen. Die Balkons der Zimmer wirken von außen wie die Reling an einem Schiff. Wasser gab es hier auch einmal– an Stelle des Freibades steht heute die Installation „Badende“ von Peter Barth. An dieser Station gibt es Mittagessen. Der Busfahrer erzählt von Missständen in seiner Branche – und prompt entwickelt sich bei seinen Tischgenossen die Idee, darüber doch mal eine Doku zu drehen.

Ein ehemaliges Schwimmbecken erwartet die Gäste auch im 45 Minuten entfernten Reutlingen, im ehemaligen Gebäude des Textilunternehmens Heinzelmann. In den Raum mit dem Becken kommt man durch einen düsteren Tunnel, an dessen Ende jemand mit roter Farbe „bleibt stehen!“ an die Wand geschrieben hat. An wen diese Botschaft gerichtet ist, bleibt offen, aber immerhin ist hier Licht. Laura Müller von der Film Commission, die diese Tour organisiert hat und leitet, erzählt, dass sie beim letzen Besuch auf Taschenlampen angewiesen waren.

Wer verborgene leere Schwimmbecken noch nicht gruselig genug findet, wird spätestens bei einem Blick an die Decke überzeugt: Dort hängen Plastikfetzen herunter, gehalten nur noch von verdreckten Spinnweben. Doch das hält die Teilnehmer nicht davon ab, jedes Detail zu erkunden – auch wenn manch einer danach mit schwarzen Schlieren an der Kleidung ans Tageslicht tritt.

Zum Abschluss gibt es einen kleinen Umtrunk mit Häppchen im Reutlinger Café Nicolai – als kombiniertes Café mit Kirche auch ein ganz einzigartiger Ort. Dort freut sich Leiterin Müller, dass die Gruppe dieses Jahr besonders gut zusammengepasst hat – und dass niemand zwischendurch verloren gegangen ist.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


02.10.2017 - 01:00 Uhr