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Lebensmut dank Sport

Simone Klein und Beatrix Willburger über Rollstuhl-Basketball

Teamgeist, Strategie und Bewegung: Für Menschen mit Gehbehinderung ist Sport besonders wichtig. Mit der Spendenaktion sammelt das TAGBLATT deswegen für den Rollstuhlsport- und Kulturverein Tübingen (RSKV). Die Jugendgruppe der Basketball-Abteilung benötigt dringend Sport-Rollstühle.

15.12.2012
  • von Moritz Siebert

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Tübingen. Der Sport fordert von den Spielern gleichermaßen strategisches Denken, Dynamik und Durchsetzungsvermögen. Harte Zweikämpfe sind nicht selten. „Beim Zusehen denke ich manchmal, Boxautofahren ist ein Witz dagegen.“ Simone Klein ist seit zwei Jahren im RSKV aktiv. Ihr Sohn Fabian, der mit einer Spina Bifida, einem „offenen Rücken“, zur Welt gekommen ist, spielt in der Jugendgruppe des Vereins Rollstuhl-Basketball.

Beim Fußballspielen mit Freunden musste er immer Torwart oder Schiedsrichter sein, erinnert sich Klein. Und das sei dem heute Zehnjährigen auf Dauer zu langweilig geworden. Er suchte nach etwas Neuem und wurde beim RSKV fündig. Die Jugendgruppe der Basketballmannschaft wurde vor zwei Jahren gegründet und ist seitdem stets gewachsen. Heute trainieren jeden Samstag zehn bis zwölf Kinder in der Derendinger Sporthalle Feuerhägle. Übungsleiter ist Tobias Schreiner. Der Rollstuhl-Basketballer wurde dieses Jahr mit der U22-Nationalmannschaft Europameister.

Einen vergleichbaren Verein gibt es in der Region nicht. Die Spieler und ihre Eltern nehmen teilweise Anfahrten von bis zu 100 Kilometern in Kauf, um zum Training nach Tübingen zu kommen. Ihr Sohn, sagt Klein mit einem Schmunzeln, spiele mit so viel Herzblut Basketball, dass er die 25 Kilometer Anfahrt von Eckenweiler nach Tübingen auch mit dem Rollstuhl fahren würde.

Auch Beatrix Willburger, seit 2006 Vorsitzende des RSKV, hat lange Rollstuhl-Basketball gespielt. Vor zwei Jahren musste sie den Sport vorübergehend aufgeben, weil sie ihre Arme wegen ihrer starken Skoliose nicht mehr richtig heben konnte. Die heute 31-Jährige wurde mit 13 Jahren von einem Betonmischer überrollt. Ihr Körper regenerierte sich zum Teil. Weil sie bald mit Krücken wieder laufen konnte, wurde Willburger vom Gesundheitsamts nur als 30 Prozent behindert eingestuft. „Ich hatte nicht das Recht darauf, behindert zu sein“, blickt sie zurück. Und weil ihr deswegen auch eine richtige Behandlung versagt blieb, verschlechterte sich ihr Zustand zunehmend. Nach acht Jahren an Krücken war sie schließlich mit Anfang 20 auf den Rollstuhl angewiesen – und nach sechs Jahren Rechtsstreit gegen die Berufsgenossenschaft mit ihrer Energie am Ende. „Das hat mich sehr viel Kraft gekosten“, sagt sie heute, „und fast den ganzen Lebensmut“.

Der Sport hat ihr geholfen. Bald nachdem sie für ihr Physik-Studium 2001 aus ihrer Heimat Seeburg bei Garmisch-Partenkirchen nach Tübingen gekommen war, fand sie Anschluss beim RSKV. Den Rollstuhl empfand sie im Vergleich zu den Krücken nun auch als Gewinn. „Ich konnte mit dem Rollstuhl mehr alleine machen und bin beweglicher geworden.“ Ihre Arme kann Willburger dank Rehabilitation und Physiotherapie mittlerweile wieder besser bewegen. Sie hofft, dass sie bald wieder Basketball spielen kann. Ihre Stärke ist es, als schnelle Flügelspielerin den Center-Spieler in Position zu bringen. Selber schätzt sie an ihrem Sport das strategische Denken und die Herausforderung, neben dem Ball ein zweites Sportgerät beherrschen zu müssen.

Und dieses ist leider teuer. Basketball-Rollstühle sind immer Spezialanfertigungen. Die Räder sind stark schräg gestellt, damit die Spieler wendiger sind und stabiler sitzen. Kleine Stützräder verhindern Stürze, Stoßstangen schützen vor Schäden und Verletzungen. Kostenpunkt: rund 3000 Euro. Fabians Basketball-Rollstuhl (der mittlerweile recht ramponiert ist) hat die Kasse bezahlt. „Wir hatten aber großes Glück“, gibt Klein zu bedenken. Sie begründete die Anschaffung des Stuhls damals damit, dass ihr Sohn diesen für den Sportunterricht benötige. Manchmal funktioniere das, meint Klein, die meisten Anträge werden aber abgelehnt. „Man kann Glück und Pech haben“, sagt auch Willburger. „Es ist oft abhängig vom jeweiligen Gutachter der Kassen.“ Kinder etwa, die nur an einer leichten Spastik leiden und noch mit Krücken gehen können, hätten keine Chance, einen Basketball-Rollstuhl von der Kasse erstattet zu bekommen. „Dabei ist Sport für gehbehinderte genauso wichtig wie für gesunde Menschen“, sagt Willburger. „Muskeln, die noch da sind, müssen gestärkt werden, um erhalten zu bleiben.“ Klein betont auch den pädagogischen Wert des Sports. Die Mannschaft ergänzen immer auch Freunde der Spieler, die nicht im Rollstuhl sitzen. Für Gehbehinderte sei es eine wichtige Erfahrung, Menschen, die eigentlich Gehen können, auf Augenhöhe zu begegnen.

„Die Kinder sind einfach mit Euphorie dabei“, so Klein, „für viele ist es eine Gelegenheit, sich auszutoben.“ Auch ihr Sohn sei eben ein sehr aktives Kind. Und obwohl er im Rollstuhl sitze, sei Sport ihm schon immer das Wichtigste gewesen.

Die Jugendmannschaft der Rollstuhlbasketballer bringt Bewegung in das Leben Behinderter

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© Inken Kolthoff 02:43 min

Simone Klein und Beatrix Willburger über Rollstuhl-Basketball
Simone Klein und Beatrix Willburger vom RSKV Tübingen.

Zwei Konten mit derselben Nummer 17 11 11 stehen für Spenden bei der Kreissparkasse (BLZ: 641 500 20) und der Volksbank (BLZ: 641 901 10) für Spenden bereit. Neben der Jugendgruppe des RSKV Tübingen (Projekt 2) sammelt das TAGBLATT dieses Jahr auch für den Palliativ-Dienst „Tübinger Projekt“ (Projekt 1). Im Überweisungsauftrag können Sie vermerken, wenn sie im TAGBLATT nicht namentlich erwähnt werden möchten oder wenn Sie für ein bestimmtes Projekt spenden wollen.

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15.12.2012, 12:00 Uhr
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