Biotech

Schwerer Start für Start-ups

Von DPA

Junge deutsche Pharmaunternehmen setzen weltweit Maßstäbe bei der Entwicklung neuer Arzneimittel. Die finanzielle Unterstützung hierzulande aber ist gering.

Schwerer Start für Start-ups

In Martinsried bei München steht das Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie (IZB). Foto: dpa

München. Die bayerische Biotech-Szene setzt Maßstäbe bei der Entwicklung neuer Arzneimittel. An guten Ideen und schlauen Köpfen mangele es nicht – Geld fehle umso mehr, heißt es aus der Branche. 1 bis 2 Mrd. EUR kostet es, bis ein neuer Wirkstoff als Medikament in der Apotheke zu kaufen ist. Für viele Start-ups eine zu hohe Hürde. Deswegen werden erfolgversprechende Neugründungen meist von Pharmariesen aufgekauft. Jüngstes Beispiel: Die Übernahme von Rigontec aus dem Gründerzentrum IZB in Martinsried bei München durch den US-Konzern Merck.

Um ihre medizinische Forschung voranzutreiben, brauchen die Biotech-Firmen neben Fachwissen und Fachleuten vor allem Geld. Vor potenziellen Investoren stellen sie ihre Ideen und Projekte vor, um Kapital einzuwerben. In ersten Finanzierungsrunden könnten dabei 2 oder 3 Mio. EUR herausspringen, sagt Peter Zobel, Geschäftsführer des IZB – in den USA sogar bis zu 100 Mio. Würde man den Firmen hierzulande gleich richtig Geld geben, könnten sie sich auf ihre Forschung konzentrieren und müssten nicht ständig ums Geld kämpfen.

Hohe Kosten für Tests

Rigontec gehört zu den Ausnahmen hierzulande. Die Firma bekam auf Anhieb 15 Mio. EUR. Dann sorgte die Firma iOmx für einen weiteren Paukenschlag: Das ebenfalls in Martinsried ansässige, erst 2016 gegründete Unternehmen sammelte in der ersten Finanzierungsrunde gut 40 Mio. EUR ein. Jüngst gab die Firma Immunic aus dem IZB eine A-Runde über 31 Mio. EUR bekannt.

Erfolgsmeldungen, die nicht darüber hinweg täuschen, dass es die Biotech-Szene hierzulande eher schwer hat. In anderen Ländern motivieren Steuervergünstigungen Investoren, Start-ups zu unterstützen. Als eines der wenigen OECD- und EU-Mitgliedstaaten fördere Deutschland Forschung und Entwicklung steuerlich nicht, sagt ein Sprecher des bayerischen Wirtschaftsministeriums. „Deutschland droht ins Hintertreffen zu geraten.“

Jeder Firmengründer wolle sein Medikament selbst auf den Markt bringen, sagt Zobel. „Aber vor dem Hintergrund, dass es 15 Jahre dauert und 2 Mrd. EUR kostet, muss man an einem bestimmten Punkt abwägen, ob es nicht sinnvoller ist, zu verkaufen.“ Allein der Wirkstofftest an Patienten koste mindestens 300 Mio. EUR.

Ein großer Pharmakonzern habe nicht nur das Geld, sondern auch die Erfahrung und die Vertriebsstrukturen, um das Medikament in die Apotheken und an die Patienten zu bringen. „Wir reden ja letztlich immer über den Weltmarkt, und da braucht man einen schlagkräftigen Partner“, sagt Zobel. Das könne eine kleine Firma nicht leisten. Zumal nicht jedes Medikament die Zulassung schafft, Geldgeber gehen ein großes Risiko ein. „Bei Biotech reicht die Bandbreite vom Verlust des kompletten eingegebenen Kapitals bis hin zur Versiebenfachung“, sagt Zobel.

Stephen Yoder, Chef von Pieris mit Sitz in Boston und Freising, sagt: „Man betritt medizinisches und technisches Neuland. In wohl kaum einer anderen Industrie sind die Entwicklungszyklen so lang, wird so viel investiert, um aus einem Prototypen ein fertiges Produkt zu entwickeln.“ Deswegen sollte es Investoren leichter gemacht werden.

Seine Firma hat jüngst mit zwei Milliardendeals mit der französischen Servier-Gruppe und dem britischen Astra-Zeneca-Konzern für Aufsehen in der Branche gesorgt. Pieris arbeitet mit Molekülen, die in der Lunge und in Tränenflüssigkeit vorkommen. Technisch verändert sollen sie bei Krebs und Atemwegserkrankungen helfen, erklärt Yoder. Aber in den USA gebe es nicht nur leichter Risikokapital, auch ein Börsengang sei einfacher.

Das Bundesfinanzministerium betont, das Angebot an Wagniskapital sei bereits ausgebaut worden. Über Fonds und Förderinstrumente stünden in den nächsten Jahren 2 Mrd. EUR als zusätzliches staatliches Wagniskapital bereit. Zudem sei geplant, die jährlichen Zusagen der KfW-Bank auf 200 Mio. EUR zu verdoppeln. Steuerhilfen seien nicht erforderlich. dpa


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06.10.2017 - 06:00 Uhr