Plastiken

Schwebende Raumschleifen

Von BURKHARD MEIER-GROLMAN

Die Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn stellt Werke des britischen Bildhauers Richard Deacon aus und verleiht ihm ihren Skulpturen-Preis 2017 für sein Lebenswerk.

Schwebende Raumschleifen

Raumschleifen aus Holz und Stahl: Richard Deacons „Red Sea Crossing“ von 2003, eine Leihgabe der Stuttgarter Staatsgalerie in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn. Foto: Gerda Meier-Grolman

Heilbronn. Trotz des misslichen Brexits muss Großbritannien nicht ganz in Sack und Asche gehen. Zumindest in Sachen zeitgenössischer Bildhauerei kann es mit Zuversicht über den Ärmelkanal schauen, denn es kann auf dem Kontinent gleich dreifach mit dem Pfund wuchern. Beispielsweise verzeichnen die gewichtigen Herren Anish Kapoor (1954 geboren), Tony Cragg (Jahrgang 1949) und Richard Deacon (1949 in Bangor in Wales geboren) bei ihren öffentlichen Auftritten zwischen München, Madrid, Stockholm und Sevilla einen ungemein hohen Aufmerksamkeitswert. Und die Kunsthäuser und Sammler sind in der Regel nicht abgeneigt, ihren Ankaufsetat kräftig zur Ader zu lassen, um eine der Großskulpturen aus der Werkstatt der drei Briten zu ergattern.

Deshalb darf es nicht verwundern, wenn dem Publikum in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn jetzt eine von Richard Deacon im Jahr 1986 aus Baustahl und Linoleum gefertigte Plastik präsentiert wird, die normalerweise ihren Platz im Kunstdepot des Künzelsauer Unternehmers Reinhold Würth hat. Dass Würth sich gerade für dieses Prachtstück erwärmt hat, ist auch verständlich, denn schließlich halten so an die tausend äußerst dekorativ gesetzte Schrauben Baustahl und Linoleum zusammen. Da hat Würth eine schon vom Erscheinungsbild her höchst ungewöhnlich daherkommende Kunstarbeit erworben, und zum anderen ist sie angesichts der Verschraubungen eine nahezu perfekte Werbetafel und ein ideales Aushängeschild für das gesamte Würth-Imperium.

Wie aber kommt dieser Brite Richard Deacon überhaupt dazu, solch ein sich elegant und schlangengleich in den Raum windendes Gebilde zu bauen, das schließlich aus dem ansonsten ziemlich starren Baustahl besteht? Die zündende Idee für seine raumfüllenden plastischen Objekte kam Deacon 1994 im Supermarkt, als ihm im Verkaufsregal ein angeschnittener Laib Emmentaler ins Auge stach. Und da fragte er sich, was passieren würde, wenn die Löcher im Schweizer Käse immer größer würden und schlussendlich kaum noch Käse übrig bliebe. So begann Deacon quasi Schutzhüllen fürs Raumvolumen zu entwerfen. Was da herauskam, sind trotz ihres schweren Grundmaterials Holz oder Stahl ungemein schwebend und leicht wirkende Raumschleifen, die der Schwerkraft eine lange Nase machen.

Natürlich arbeitet Deacon nicht nur mit Holz, Stahl und Linoleum. Er ist ein besessener Handwerker, er greift nach jedem neuen Werkstoff, den ihm der liebe Gott vor die Tür legt. Im Deacon-Katalog der Kunsthalle Vogelmann wird aufgezählt, welche Materialien sich der Brite untertan macht, wenn er eine neue Skulptur angeht. Bambus und Buche, Furnierholz und Hartfaserplatte, Karton, glasverstärktes Polyester, Fiberglas, Beton, Aluminium, Epoxidharz, Messing und Keramik, er lässt nichts aus und alles taucht in seinen Arbeiten wieder auf.

So war es auch für die Jury des mit 30 000 Euro dotierten Ernst-Franz-Vogelmann-Preises ein Leichtes, diesem omnipotenten britischen Bildhauer Richard Deacon ihre Auszeichnung für das Jahr 2017 zu übergeben. Und als Bonbon fürs Publikum gibt es jetzt in der Heilbronner Kunsthalle Vogelmann einen Einblick in alle Schaffensphasen des britischen Künstlers, der sich nicht nur von der Pop Art und dem Minimalismus, sondern auch von dem kunstaffinen sprachmächtigen Dichter Rainer Maria Rilke inspirieren ließ.


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07.11.2017 - 06:00 Uhr