Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Verbraucherschutz im Kinderzimmer

Schlaue Puppen als Spione

Smart Toys werden Spielsachen genannt, die mit Kindern kommunizieren. Die Daten können von Dritten abgeschöpft werden. Verbraucherschützer raten zur Vorsicht.

11.11.2017
  • CAROLINE STRANG

Ulm. Wo bist du denn“, fragt der kleine Teddy mit den Kulleraugen das fünfjährige Mädchen. „Und wo ist deine Mama? Ich will mit dir spielen, ich habe Bonbons dabei. Machst du die Türe auf?“ Der Teddy ist ein so genanntes smartes Spielzeug, das mit dem Kind kommunizieren kann. Er sendet und empfängt Sprachnachrichten, indem er über eine App auf dem Smartphone der Eltern ins Internet geht. Das Problem: Der Kontakt ist nicht ausreichend gesichert. Jeder kann über die Bluetooth-Verbindung mit dem Kind sprechen. Auch der Nachbar mit den Bonbons, dem das Kind dann die Türe öffnet.

Das Beispiel ist nicht weit hergeholt. Die RTL-Sendung SternTV ließ es vor geraumer Zeit auf einen Praxistest angekommen. Ein Experte sicherte sich aus dem Nebenzimmer mit ein paar einfachen Klicks den Zugang zur Puppe „Cayla“ und sprach mit einem sechsjährigen Mädchen. Er gab der Kleinen Anweisungen, die sie prompt erfüllte.

Er fragte sie aus, sie antwortete. Denn ihre geliebte Puppe sprach mit ihr, kein fremder Mann. Am Schluss öffnete sie ihm die Terrassentür, weil ihre Puppe das zu ihr gesagt hatte. „My friend Cayla“ ist in Deutschland inzwischen verboten. Die Bundesnetzagentur griff ein und bezeichnete die Puppe als versteckte und damit verbotene Sendeanlage.

Andere Spielsachen funktionieren ähnlich, wie der Roboter „i-Que“. Allerdings sind die interaktiven Spielsachen bisher noch Nischenprodukte. 2016 wurden in Deutschland 3,1 Mrd. EUR für Spielzeug ausgegeben. Smart Toys werden nicht gesondert erfasst, wie Willy Fischel, Geschäftsführer des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels, erklärt. Die Statistiker erfassten die Kategorien nach dem Hauptzweck der Produkte wie Puppen oder Roboter. Allerdings: „Man kann aber klar sagen, dass die Zahl der Smart Toys zunimmt.“

Stiftung Warentest knöpfte sich im Herbst einige der Smart Toys vor. Das Fazit ist erschreckend: Sie „entpuppten sich als Spione im Kinderzimmer.“ Drei der sieben geprüften Spielzeuge wurden als sehr kritisch, die anderen vier als kritisch bewertet.

„Einige von diesen Spielzeugen sind brandgefährlich, weil sie eine ungesicherte Funkverbindung haben. Das heißt, dass jeder Smartphone-Besitzer sich mit ihnen verbinden kann, um das Kind abzuhören, es auszufragen oder zu bedrohen“, sagt Test-Redakteur Martin Gobbin. Die Experten haben drei Spielzeuge ausgemacht, die für eine Bluetooth-Verbindung weder ein Passwort noch einen Pin-Code verlangen.

Andere Spielsachen fallen mit ihrer Datensammelwut auf wie der „Fisher-Price Smart Toy Bear“ und das „Cloudpets Kätzchen“. Einige Apps, über die die Spielzeuge gesteuert werden, erfassen die Geräte-ID des Smartphones, übertragen Nutzerdaten an Drittfirmen oder setzen Tracker, die das Surfverhalten der Eltern protokollieren können. Die Spielzeuge nehmen über integrierte Mikrofone die Unterhaltungen mit den Kindern auf und schicken sie oft via Internet an die Server der Anbieter.

Die Verbraucherzentralen beobachten das mit Sorge. „Wir halten uns da auf dem aktuellen Stand und können bisher nur bestätigen, dass man davor warnen und Eltern vom Kauf eher abraten sollte“, sagt Julia Berger von der Verbraucherzentrale Bayern. „Die Sicherheitslücken stehen zum Nutzen des Spielzeugs in keinem Verhältnis.“ Vor allem im sensiblen Bereich Kinderzimmer.

Volker Mehringer, Professor für Pädagogik der Kindheit und Jugend an der Universität Augsburg, ist Mitglied beim in Ulm ansässigen Verbraucherberatungsverein „Spielgut“. Selbst getestet hat er ein solches Smart Toy noch nicht. Er fragt sich: Hat eine solche Puppe, ein Teddy oder ein Roboter wirklich einen Spielwert? Der Wunsch, mit einem Spielzeug zu interagieren, sei jedenfalls ein ganz alter Wunsch. „Man gibt Stofftieren Namen, agiert mit ihren, als ob sie Personen wären, das ist ein Grundbedürfnis.“

Die Smart Toys aber heben das auf eine ganz andere Ebene. „Sie können viel zielgerichteter und flexibler auf das reagieren, was das Kind sagt und will.“ Das verleihe dem Spielzeug ein gewisses Eigenleben. „Das hat natürlich einen Neuheitsreiz und für das Kind einen Aufforderungscharakter, es auszuprobieren.“ Deshalb habe solch ein Spielzeug durchaus einen Spielwert. Allerdings schränkt Mehringer, ein: „Die Frage ist, wie sehr es die Fantasie des Kinder noch zulässt oder ob es ihm letztlich ein Spielverhalten vorgibt.“ Es könne für die Kinder nach einer Weile frustrierend sein, wenn die Puppe nur lapidare Antworten gebe. Offen sei, wie lange der Reiz halte, ob das interaktive Spielzeug auch mittelfristig interessant bleibe.

Der Professor gibt zu bedenken, dass Spielzeug technologische und gesellschaftliche Entwicklungen abbildet und den Kindern nahebringt. „Darum ist es auch nachvollziehbar, dass es diese Spielsachen gibt.“ Allerdings stehe an erster Stelle die Sicherheit und da brauche es neue Standards und Kriterien. Wer die entwickeln muss, sei noch unklar. Verbraucherschützer, bestimmte öffentliche Einrichtungen wie die Bundesnetzagentur, zählt er auf. Es gibt Din-Normen für Spielzeug und technische Geräte. Vielleicht müsse man beides anwenden.

Schwierige Verhandlungen

Julia Berger von der Verbraucherzentrale sagt, dass es nicht so einfach sei, Forderungen durchzusetzen. „Die Hersteller sitzen größtenteils im Ausland, denen ist unsere Stiftung Warentest nicht so wichtig.“ Letztlich müssten aber vor allem genau diese Hersteller reagieren, aber auch der Gesetzgeber. Sie vergleicht das Ganze mit dem Thema „Internet der Dinge“. „Da wird auch versucht, in der Gesetzgebung nachzubessern. Aber die Prozesse hinken oft einige Jahre hinter den Problemen hinterher.“

Bis dahin sei die Sicherheit im Kinderzimmer auch ein Thema für die Eigenverantwortung der Eltern. So lange reicht laut Berger der altmodische Teddy. Das findet auch die Stiftung Warentest, die dem „dummen“ Teddy als Spielzeug den Vorzug gibt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.11.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular